Menschliche Ausführungsfehler im Hochbau

Oft sind menschliche Ausführungsfehler für die Entstehung von Mängeln, Bauschäden, Versagen von Bauteilen und Unfällen verantwortlich.

Die subjektive Seite von Ausführungsfehlern im Hochbau wurde bisher sowohl in der Bauforschung als auch in der Baupraxis kaum betrachtet. Jedoch haben alle Baufehler im Prinzip menschliche Ursachen. Daher ist zu prüfen, wo beim Auswählen, Bestellen, Herstellen, Liefern, Lagern, Dosieren, Mischen, Benutzen, Durchführen etc. ein Mensch einen Fehler gemacht hat.

Analyse eines Hochbauprojekts

Das Institut für Bauwirtschaft an der Universität Kassel widmet sich momentan dem Themenkomplex Bauqualität und menschliche Fehler. Im Rahmen einer Forschungsarbeit über Fehlermanagement-Systeme wurden die Ausführungsfehler im Rohbau eines Hochbauprojekts intensiv untersucht und ausgewertet.

Die Fehler wurden von den Bauleitern vor der Abnahme (Gemäß § 4 Nr. 7 bzw. Nr. 10 VOB/B) vor Ort im Zeitraum 2011-2012 festgestellt und sind in den Mängelanzeigen bzw. in den Niederschriften der Zustandsfeststellung und Nachbegehung erfasst. Das Projekt ist der Neubau eines Einkaufszentrums mit über 44.000 m² Handelsfläche auf drei Ebenen, einem dazugehörigen Parkhaus mit 820 Parkplätzen und 70 Wohnungen. Die Daten wurden im Zuge dieser Untersuchung anonymisiert ausgewertet. Die Auswertung betraf 517 Ausführungsfehler. Die in diesem Artikel vorgestellte Analyse wurde mit folgenden Zielen durchgeführt:

– Systematische und detaillierte Untersuchung der Phase vor der Abnahme,

– Betrachtung der Ausführungsfehler als menschliche Fehler

1. Struktur der Analyse

Bisher konnte oftmals nur objektiv gegen menschliche Ausführungsfehler-Folgen (M-A-F-Folgen) reagiert werden. In dieser Auswertung wird nun die subjektive Seite explizit konkretisiert. Die Analyse gliedert sich in vier Abschnitte: Allgemeine Informationen, die M-A-Fehlerfolgen, die menschlichen Ausführungsfehler-Arten (M-A-F-Arten) und die menschlichen Ausführungsfehler-Ursachen (M-A-F-Ursachen). Dabei wurde von jedem Ausführungsfehler festgehalten, was objektiv bekannt war und was subjektiv wichtig zu betrachten ist. In Anlehnung an Schlick [1] werden in diesem Artikel Begriffsbestimmungen abgeleitet, die im Sinne dieser Analyse gelten; diese sind in der blauen Informationsbox zusammengefasst.

2. Ergebnisse der Analyse

Mit Hilfe von Kreis- und Balkendiagrammen werden die Ergebnisse verdeutlicht. Die anteiligen Werte werden mit Kreisdiagrammen angezeigt. Zum Vergleich mehrerer Werte werden Balkendiagramme verwendet. Die Ausführungsfehler wurden zunächst den drei Gewerken „Erdarbeiten“, „Beton- und Stahlbetonarbeiten“ und „Mauerarbeiten“ zugeordnet. Die Verteilung der Ausführungsfehler auf diese Gewerke ist in der Tabelle 1 dargestellt.

M-A-F-Ursachen

Die M-A-Fehler aus Nicht-Wissen machten den größten Teil der M-A-F-Ursachen aus. Dieser Teil betrug 51,5% aller M-A-F-Ursachen, gefolgt von den Nicht-Wollen-Ursachen mit knapp 27%. 22% der M-A-F-Ursachen stammen aus Nicht-Können-Ursachen. Abbildung 3 zeigt die Verteilung der M-A-Fehler nach diesen Ursachengruppen.

Abbildung 4 zeigt die unterschiedliche Verteilung der Fehlerursachen in den drei unterschiedlichen Gewerken. Die Nicht-Wollen-Ursachen lagen zur Hälfte in den Mauerarbeiten und in den Beton- und Stahlbetonarbeiten. Fast alle (ca. 99%) Nicht-Wissen-Ursachen waren in den Beton- und Stahlbetonarbeiten. Die Nicht-Können-Ursachen befanden sich zu ca. 61% in den Beton- und Stahlbetonarbeiten und zu ca. 39% in den Mauerarbeiten.

M-A-F-Arten

Untersucht wurde auch die Häufigkeit der unterschiedlichen M-A-F-Arten. Den größten Anteil der M-A-Fehler hat mit gut der Hälfte die Art „Fehlverhalten“. An zweiter Stelle liegt die „Teil-Unterlassung“ mit gut einem Viertel der M-A-Fehler, dahinter folgt das „Teil-Fehlverhalten“ mit knapp 22%, gefolgt von der „Unterlassung“ mit ca. 2%. An der letzten Position befindet sich die „Fehlleistung“ mit knapp 1%. Abbildung 5 zeigt diese Verteilung.

Bei der Betrachtung der Gewerke zeigt sich, dass die Art „Unterlassung“ zu ca. 62% in den Mauerarbeiten und zu ca. 38% in den Beton- und Stahlbetonarbeiten auftrat. Überraschend ist hier auch, dass die Art „Fehlverhalten“ zu ca. 99% in den Beton- und Stahlbetonarbeiten auftrat.

M-A-F-Folgen

Die M-A-F-Folgen wurden den drei Gruppen „Fehler“, „Mangel“ und „Anderes“ zugeordnet. Unter der ersten Gruppe „Fehler“ sind Fehler zu verstehen, die Folgen anderer M-A-Fehler waren. In der Mangel-Gruppe sind die Mängel und die Schäden zusammengefasst. Alle anderen M-A-F-Folgen (auch keine Folge) sind der Gruppe „Anderes“ zugeordnet. Diese Zuordnung betont die Tatsache, dass ein M-A-Fehler nicht automatisch und unbedingt zum Schaden führen müsste.

Die meisten M-A-Fehler (mehr als 93%) führen zu Mängeln. Mehr als 80% dieser Mängel waren in den Beton- und Stahlbetonarbeiten. Sie verursachten die gesamten Beseitigungskosten der M-A-F-Folgen. Abbildungen 1 und 2 verdeutlichen diese Ergebnisse.

3. Zusammenfassung

In diesem Artikel werden die Ergebnisse einer Fehleranalyse an einem konkreten Projekt detaillert dargestellt. Dafür wurden fünf Gruppen den M-A-F-Arten und drei Gruppen den M-A-F-Ursachen zugeordnet. Die Praxistauglichkeit dieser Gruppierung bei der Analyse der Ausführungsfehler im Rohbau konnte dadurch bestätigt werden. Es ergeben sich folgende wesentliche Punkte:

– M-A-F-Arten: Der überwiegende Teil an M-A-Fehlern resultiert aus Fehlverhalten und Teil-Unterlassung.

– M-A-F-Ursache: Nicht-Wissen verursachte den größten Anteil der M-A-Fehler. Dies zeigt deutlich, wie groß der Mangel an Ausbildung und Erfahrung ist, insbesondere im Gewerk Beton- und Stahlbetonarbeiten, aber auch das Potenzial durch entsprechende Schulung.

– Die Mängel dominieren als M-A-F-Folge in allen Gewerken.

– Die Beseitigungskosten der M-A-F-Folge (Mangel) vor der Abnahme betragen durchschnittlich fast 109 Euro pro Mangel. Dies ist deutlich weniger als die Kosten zur Beseitigung von Baumängeln nach der Abnahme.

– Die Lohnkosten haben den größten Anteil an den Beseitigungskosten der Baumängel vor der Abnahme. Dies zeigt, wie wichtig es ist, den Mensch als Hauptelement beim Fehlermanagement zu berücksichtigen.

Die Ergebnisse dieser Analyse machen die Dringlichkeit des Einsatzes von neuen Modellen und Methoden zur M-A-Fehlervermeidung in der Bauausführung deutlich.

Institut für Bauwirtschaft (IBW), Universität Kassel

www.uni-kassel.de

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