Common Data Environment

Das Potenzial der Digitalisierung richtig nutzen

Bau- und Infrastrukturprojekte werden zunehmend digitaler. Viele Projektverantwortliche verwenden inzwischen eine gemeinsame Datenumgebung, ein sogenanntes Common Data Environment (CDE). Doch nur selten schöpfen sie die damit gegebenen Möglichkeiten gänzlich aus.

Damit Daten von Bauprojekten später nutzbar sind, müssen Zuständigkeiten sowie Prüf- und Freigabeschritte klar geregelt sein
© TÜV Süd

Damit Daten von Bauprojekten später nutzbar sind, müssen Zuständigkeiten sowie Prüf- und Freigabeschritte klar geregelt sein
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Bau- und Infrastrukturprojekte sind geprägt von Kosten- und Termindruck. Viele Bauherren und Projektentwicklerinnen versprechen sich von digitalen Methoden und Plattformen mehr Effizienz und eine bessere Zusammenarbeit der beteiligten Fachdisziplinen. Trotzdem treten weiterhin klassische Fehlerquellen auf, die den Projekterfolg gefährden. Dazu zählen unter anderem Dateninkonsistenzen, uneinheitliche Datenablage, Medienbrüche, unklare Verantwortlichkeiten sowie unzureichend definierte Prüf- und Freigabeprozesse. Aber woran liegt das?

Das Vertrauen in neue digitale Abläufe ist nicht immer vorhanden. Empfinden Projektbeteiligte die Arbeit mit einem CDE als zusätzlichen Aufwand, liegt es oft daran, dass Prozesse nicht klar und benutzerfreundlich aufgesetzt sind. In solchen Drucksituationen greifen viele auf herkömmliche Prozesse zurück oder wählen den Weg des geringsten Widerstands. Wenn dann Projektinformationen lokal abgelegt werden, ist kein einheitlicher Informationsstand mehr möglich. Insbesondere dann, wenn ein CDE vom einen auf den anderen Tag eingeführt wird, ist die Gefahr groß, dass die Nutzenden in alte Verhaltensmuster zurückfallen.

Schrittweise vorgehen, Akzeptanz erzeugen, Mehrwert vermitteln

Gespeicherte Informationen lassen sich aus dem CDE extrahieren und in Planungs-, Bau- und Betriebssysteme übertragen
© TÜV Süd

Gespeicherte Informationen lassen sich aus dem CDE extrahieren und in Planungs-, Bau- und Betriebssysteme übertragen
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Die Einführung eines CDE ist kein reines IT-Projekt, sondern ein Organisationsprojekt mit technologischer Komponente. Deshalb ist ein strukturierter Auswahl- und Implementierungsprozess notwendig. Die Normenreihe ISO 19650 bildet dabei den methodischen Rahmen für das Informationsmanagement im Bauwesen unter Anwendung von BIM. Sie definiert Anforderungen an Rollen, Prozesse und Liefergegenstände über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks. Gerade bei komplexen Projekten kann externe, unabhängige Expertise sinnvoll sein, um regulatorische Anforderungen methodisch sauber in organisatorische Strukturen zu überführen. Um ein passgenaues CDE-Anforderungsprofil zu erstellen und um unter den zahlreichen Angeboten auf dem Markt ein geeignetes zu finden, ist das Lastenheft von entscheidender Bedeutung. Darin sind alle funktionalen und IT-Anforderungen zusammengetragen.

Nach und nach wird klar, welche Informationen von wem, wo und in welcher Form bereitgestellt werden müssen. Und zwar in jeder Phase des Projekts – von der Steuerung über die Planung bis hin zum Bau und dem Betrieb. Die Auftraggeber-Informationsanforderungen sind dabei das zentrale Steuerungsinstrument. Sie definieren verbindlich, welche Informationen in welcher Qualität bereitzustellen sind und machen Informationsmanagement zur Führungsaufgabe des Bauherrn. Je besser das CDE zur IT-Landschaft passt und je einfacher es bedienbar ist, desto höher die Akzeptanz. Eine Vielzahl an (überflüssigen) Funktionen erhöht nur unnötig die Komplexität.

Darüber hinaus muss allen Beteiligten bewusst sein, welchen Zweck die gemeinsame Datenplattform verfolgt. Ein CDE ist ein Steuerungsinstrument und nicht nur ein weiteres Datenmanagementsystem (DMS). Es fungiert als einzige „Quelle der Wahrheit“ – die Single Source of Truth (SSoT). Der Ort, an dem alle Projektinformationen erfasst, geprüft, freigegeben und versioniert sind. Damit das gelingt, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen – Schulungen und Onboarding durch die Hersteller oder erfahrene Berater sind eine zusätzliche Möglichkeit, um sowohl eine gemeinsame Wissensbasis als auch eine einheitliche Vorgehensweise zu etablieren.

Fallbeispiel: Modernisierung und Ausbau von Umspannwerken

CDEs im Vergleich: Entscheidend ist nicht die Menge der Funktionen, sondern dass die Lösung zur eigenen Arbeitsweise passt und benutzerfreundlich ist
© TÜV Süd

CDEs im Vergleich: Entscheidend ist nicht die Menge der Funktionen, sondern dass die Lösung zur eigenen Arbeitsweise passt und benutzerfreundlich ist
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Bei der Planung, Ausschreibung, Auswahl und Implementierung eines geeigneten CDE unterstützt TÜV Süd Advimo öffentliche Auftraggeber, darunter Landesbaudirektionen, Städte und größere sowie kommunale Netzbetreiber. In einem aktuellen Projekt begleiten die Expertinnen und Experten einen kommunal verbundenen Netzbetreiber, der seine Umspannwerke modernisieren und ausbauen muss. Ein strukturiertes CDE reduziert nicht nur Medienbrüche, sondern senkt nachweislich Projektrisiken: Freigabeprozesse werden nachvollziehbar dokumentiert, Planstände eindeutig versioniert und Verantwortlichkeiten transparent zugeordnet. Das minimiert Haftungsrisiken, reduziert Nachtragsdiskussionen und verkürzt Abstimmungszyklen. Standardisierte Strukturen ermöglichen zudem eine Skalierung über mehrere Projekte hinweg. Gerade bei Umspannwerken treffen viele Disziplinen und Projektbeteiligte aufeinander; parallel laufende Bauzustände und die Einbindung ausführender Unternehmen erhöhen die Abstimmungs- und Datenlast. Hinzu kommen Engpässe bei Fachplanenden, Verzögerungen in Lieferketten sowie KRITIS-Anforderungen mit zusätzlichen Sicherheits- und Dokumentationspflichten. In dieser Lage wird Information zur kritischen Ressource – und jede Verzögerung kostet Geld.

Digitalisierung mit Weitsicht

Das CDE entfaltet seinen vollen Wert erst dann, wenn es nicht nur projektspezifische Informationen verwaltet, sondern als Grundlage für ein durchgängiges Asset-Information-Management dient. Strukturierte und qualitätsgesicherte Daten sind die Voraussetzung für ESG-Reporting, Instandhaltungsstrategien, Predictive Maintenance oder portfolioübergreifende Investitionsentscheidungen. Ohne belastbare Datenbasis bleibt jede weiterführende Digitalisierung, auch der Einsatz von KI, nur Stückwerk. Entscheidend dafür waren standardisierte Vorgaben, also eine einheitliche Projektstruktur, klar definierte Workflows sowie verbindliche Namenskonventionen. Damit diese Standards im Alltag greifen, war zunächst eine strukturierte Analyse der IT-Landschaft notwendig. Dabei ging es unter anderem auch um die Interoperabilität zu bereits genutzten Systemen wie Enterprise Resource Planning (ERP), Geoinformationssystemen (GIS) oder Datenmanagementsystemen (DMS).

Wie aus Skepsis Überzeugung wird

Ein CDE ist kein Selbstläufer. Es entfaltet seinen Nutzen nur dann, wenn es systematisch eingeführt, in bestehende Prozesse integriert und von allen Beteiligten als verbindliches Arbeitsinstrument akzeptiert wird. Entscheidend sind eine klare Anforderungsdefinition, durchgängige Verantwortlichkeiten und eine begleitende Qualifizierung der Projektbeteiligten. Unabhängige Beratung kann dabei helfen, sowohl die technische Eignung der Lösung als auch deren organisatorische Verankerung sicherzustellen.

 

TÜV Süd Advimo GmbH
www.tuvsud.com

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