Erholung auf breiter Front

Bilanzen der Bauindustrie, Teil 1

Die Großen der Baubranche haben in 2010 nicht gelitten. Im Gegenteil: sie konnten die bereits in 2009 eingeleitete Erholung fortsetzen. Und der Trend im laufenden Geschäftsjahr sieht weiter günstig aus. Kein Konzern musste in 2010 rote Zahlen schreiben.

Mit Ausnahme der Spezialtiefbaufirma Bauer konnten die sechs Großen das Ergebnis vor Steuern steigern. Wie aus der nebenstehenden Tabelle hervorgeht, gelang Bilfinger Berger im fortzuführenden Geschäft gar mehr als eine Verdoppelung des Gewinns vor Steuern. Die Ausgliederung von Valemus, wo die seitdem verkauften australischen Aktivitäten gebündelt wurden, erklärt auch warum die Bauleistung der Nummer Zwei der Bauwirtschaft um 22 % zurückging. Hochtief erlebte ein kontrastreiches Jahr. Einerseits wurde der deutsche Marktführer Opfer einer feindlichen Übernahme. Damit befassen wir uns ausführlicher im Kommentar in diesem Heft. Andererseits konnte Hochtief  Rekordergebnisse bei Leistung und Ergebnis vorlegen. Mit einem Anstieg der Leistung um 13 % wies Hochtief auch das höchste Wachstum unter den Großen aus. Leider musste die Gruppe im ersten Quartal 2011, mitten im Übernahmekampf, einen herben Verlust hinnehmen, den ihr die australische Tochter Leighton einbrockte. Der leichte Rückgang der Bauleistung der beiden Töchter der Wiener Strabag SE, Strabag in Köln und Züblin in Stuttgart, ist wenig aussagekräftig. Das Familienunternehmen Max Bögl und die Bauer AG zeigten Zuwächse. Beim Ergebnis vor Steuern legte Strabag moderat, Züblin deutlich zu.

Die Strategien der sechs führenden Baufirmen sind weiterhin sehr verschieden. Ein gemeinsamer Nenner ist nicht zu erkennen. Bilfinger Berger ist vornehmlich ein Dienstleistungsunternehmen geworden. Hochtief ist weltweit die Baugruppe, die das internationalste Geschäft erzielt: bei ihr erreicht der Anteil des Auslands an der Leistung die Rekordmarke von 92,3 %. Strabag ist der größte deutsche Straßenbauer. Züblin ist die Nummer Eins im einheimischen Schlüsselfertigbau und Bauer der weltweit größte Spezialtiefbauer. Max Bögl ist stark im Infrastrukturbau in Deutschland und dem benachbarten Ausland. In Teil I der Bilanzen widmen wir uns heute Hochtief und Bilfinger Berger. In Teil II befassen wir uns im folgenden Heft mit Strabag, Züblin, Bauer und Max Bögl.

 

Hochtief nur vorübergehend im roten Bereich

Der neue Eigentümer von Hochtief, der Präsident der spanischen ACS, Florentino Perez, hat verlangt, Hochtief sollte „rentabler“ werden. Wenn er damit meint, dass der Essener Konzern im internationalen Vergleich relativ wenig verdient, so hat er leider recht. Allerdings muss man eine Besonderheit von Hochtief beachten: da es bei Leighton und den Flughafenbeteiligungen starke Minderheitsgesellschafter gibt, entfällt auf sie fast die Hälfte vom Ergebnis nach Steuern und der Konzerngewinn von Hochtief ist entsprechend geschmälert. Vor Steuern hat Hochtief allerdings in 2010 gut verdient. Auf seiner letzten Bilanz-Pressekonferenz im März 2011 bezeichnete Dr.Herbert Lütkestratkötter 2010 gar als „das erfolgreichste Jahr in der Unternehmensgeschichte“. Das Ebita, das betriebliche Ergebnis vor Zinsen, Abschreibungen und Steuern, stieg um 26 % auf 964 Mio. Euro. Der Gewinn vor Steuern gewann 27 % auf 757 Mio. Euro, das Ergebnis nach Steuern stieg um 35 % auf beachtliche 546 Mio. Euro und nach Abzug des Anteils der Minderheitsaktionäre nahm der Konzerngewinn um 50 % auf 288 Mio. Euro. Auf der Bilanz-Pressekonferenz sagte „Dr. Lü“ für 2011 einen Gewinnanstieg vor Steuern um ein Drittel auf eine Milliarde Euro vorher; der Konzerngewinn sollte sich auf 600 Mio. Euro verdoppeln, unter anderem wegen des für 2011 geplanten Verkaufs der Mehrheit am Unternehmensbereich Concessions (Flughafenbeteiligungen, Straßenkonzessionen, öffentlich-private Partnerschaften). Um dem Druck des spanischen Großaktionärs standzuhalten, schritt Hochtief zu einer ungewöhnlichen Tat und publizierte Ergebnisprognosen für 2012 und 2013. In 2012 sollte durch den Verkauf von Aurelis Real Estate der Gewinn vor Steuern abermals 1 Mrd. Euro und das Konzernergebnis 500 Mio. Euro erreichen. Für 2013 waren mehr als 1 Mrd. Euro vor Steuern und, diesmal ohne außerordentliche Ergebnisse, ein Konzernergebnis von 450 Mio. geplant.

Dann kam allerdings die Gewinnwarnung. Leighton gab nämlich für das 1.Quartal 2011 einen Verlust vor Steuern von 557 Mio. Euro bekannt. Es gab drei Kalamitäten: für das Projekt Airport Link Brisbane musste ein Verlust von 314 Mio. Euro eingeplant werden, ein weiteres Malheur passierte beim Bau einer Meerentsalzungsanlage in Melbourne und außerdem bildete Leighton bei einer Beteiligung in der Golfregion zusätzliche Vorsorge. Der neue Vorstand von Leighton ist dabei, das Risikofrüherkennungssystem, das offenbar versagt hat, zu „adjustieren“, wie Hochtief ankündigt. Insgesamt, so die deutsche Mutter, bleibe Leighton „solide“ aufgestellt; im zweiten Halbjahr solle Leighton wieder einen Gewinn erwirtschaften und ab 2012 werde das Ergebnis vor Steuern wieder auf dem Niveau von 2010 liegen.

Die Mutter konnte sich dem Gewinneinbruch in Australien nicht entziehen. Für das 1. Quartal weist Hochtief ein Ebita-Minus von 404 Mio. Euro aus; vor einem Jahr hatte es ein Quartalsplus von 152 Mio. Euro gegeben. Vor Steuern erzielte der Konzern einen herben Verlust von 445 Mio. Euro (im Vorjahresquartal ein Plus von 121 Mio. Euro). Die Ergebnisprognose für 2011 musste entsprechend angepasst werden: statt um ein Drittel zu steigen, wird sich der Gewinn vor Steuern voraussichtlich halbieren und der Konzerngewinn soll nur noch „über Vorjahr“ liegen. Die Ergebnisprognosen für 2012 und 2013 bleiben unverändert. Hochtief schöpft Vertrauen aus der Tatsache, dass außer Leighton die anderen drei Divisions der Gruppe im 1. Quartal besser wirtschafteten. Americas konnte das Ebita von 23 Mio. Euro auf 48 Mio. verdoppeln. Bei Concessions erreichte das Ebita 33 Mio. Euro (vorher 18 Mio. Euro), bei Europe vervierfachte es sich auf 31 Mio. Euro. Wie geht es bei Hochtief weiter? Die Voraussetzungen scheinen dafür geschaffen, dass die Essener die durch Leighton erzeugte Delle nächstes Jahr überwunden haben werden. Für den neuen Eigentümer ACS gibt es eigentlich keinen Anlass, die Grundstrukturen von Hochtief in Frage zu stellen.

 

Herbert Bodner übergibt Bilfinger Berger besenrein

Kurz vor seinem Abgang hat Herbert Bodner, der Vorstandsvorsitzende von Bilfinger Berger, noch einmal klar Schiff gemacht. Zugunsten des Dienstleistungsgeschäfts, das in 2010 bereits 80 % der Leistung ausmachte, schränkte er das ausländische Baugeschäft weiter ein. Im März 2011 wurde der Verkauf der Beteiligung Valemus Australia für 700 Mio. Euro an die australische Lend Lease vollzogen; der Zufluss einer Nettoliquidität von 600 Mio. Euro soll für den Ausbau des hochprofitablen Servicegeschäfts verwendet werden. Im Juni verkaufte der Konzern die noch verbliebenen Bauaktivitäten seiner amerikanischen Tochter Fru-Con mit einer Leistung von 50 Mio. Euro an den Briten Balfour Beatty. Außerdem plant Bilfinger Berger spätestens 2012 Anteile an Julius Berger Nigeria abzugeben, wo er noch 49 % der Anteile hält. Die geglückte Expansion des Konzerns in den rentableren Dienstleistungsbereich war ganz Bodners Sache; sein Vorgänger Christian Roth hatte die Gruppe lediglich internationalisiert.

Das Jahr 2010, so Bodner auf der Bilanz-Pressekonferenz Ende März 2011, war „sehr erfolgreich“. Das Ebit (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) und das Konzernergebnis verdoppelten sich gegenüber 2009 im fortzuführenden Geschäft. Das Ebit stieg um 98 % auf 343 Mio. Euro und das Konzernergebnis legte um 103 % auf 284 Mio. Euro zu. Auch letztes Jahr waren die Dienstleistungssparten die dynamischsten in der Gruppe: die Leistung von Industrial Services legte um 30 % auf 2,9 Mrd. Euro, Power Services um 9 % auf 1,1 Mrd. Euro. Hingegen ging sie bei den Bausparten planmäßig zurück, bei Building and Facility Services um 8 % auf 2,3 Mrd. Euro und bei Construction (Ingenieurbau) um 11 % auf 1,7 Mrd. Euro. Die verkaufte Valemus legte in 2010 um 20 % auf 3,2 Mrd. Euro zu. Construction konnte den Ebit-Verlust von 73 Mio. Euro in 2009 in einen Gewinn von 31 Mio. Euro umdrehen. Die anderen Divisions konnten ebenfalls den Ebit-Gewinn steigern. Das Jahr 2011 hat gut angefangen. Im 1. Quartal stieg das Ebit der fortzuführenden Aktivitäten um 26 % auf 59 Mio. Euro. Einschließlich des Verkaufserlöses von Valemus vervierfachte sich das Konzernergebnis von 48 Mio. Euro auf 207 Mio. Euro. Bei der Vorschau 2011 übte Bodner Vorsicht: die Leistung und das Ebit sollten über 2010 liegen. Als ihm ein Journalist mangelnden Ehrgeiz vorwarf, wies er darauf hin, dass ein Ebit von 343 Mio. Euro wie im Vorjahr eigentlich eine Steigerung um 21 Mio. Euro bedeutet, da in 2010 der Verkauf von Anteilen an Betreiberprojekten diese Summe erbracht hatte. Das Konzernergebnis, so Bodner, werde allerdings wegen des Valemus-Effekts „erheblich“ über den 284 Mio. Euro von 2010 liegen.

Marcel Linden,

Bonn

Die Strategien der sechs führenden Baufirmen sind sehr verschieden

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