Wohnumfeld, Wasser, Wiederverwendung
Die Ressource Regenwasser im WohnquartierRegenwasser lässt sich im mehrgeschossigen Wohnungsbau nutzen. Doch was
ist sinnvoll für Bewohner, was ist wünschenswert und finanzierbar, was nützt der
Umwelt? Wie lassen sich Betriebskosten und damit die Kaltmiete niedrig halten?
Blau-grüne Infrastruktur nennt die Wasserwirtschaft das ganze Instrumentarium, das Stadtplaner bei der Quartierserschließung einsetzen, um Regen zurückzuhalten. Ein Teil der Vorkehrungen wird im öffentlichen Raum im Zuge der Erschließung realisiert. Weitere Maßnahmen werden durch örtliche Satzung und Bebauungsplan auf die Eigentümer der Grundstücke und Gebäude übertragen. Ziel der Regenrückhaltung im Siedlungsgebiet ist es,
Überflutung, Kanalrückstau und daraus resultierende Schäden zu vermeiden oder zu vermindern,
Grundwasser durch Versickerung anzureichern,
Grünflächen sowie Dach- und Fassadenbegrünung zu bewässern und durch deren Verdunstungskühlung das Stadtklima zu verbessern,
Trinkwasservorräte durch Regenwassernutzung zu schonen,
Abwasserkanäle und Klärwerke durch verringerten Abfluss zu entlasten.
Stehende Oberflächengewässer, also Seen und Teiche, sind als Verdunstungsflächen ebenfalls wirksam, werden aber wegen des Flächenbedarfs und der hohen Kosten, etwa aufgrund von komplexen Rahmenbedingungen, selten neu angelegt.
Quartier-Erschließung
Regenrückhaltung lässt sich architektonisch inszenieren – sowohl mit als auch ohne sichtbare Wasserfläche im Wohnumfeld. Das Sammeln von Regenwasser von versiegelten Geländeflächen und Dächern in einem stehenden Gewässer bedarf professioneller hydraulischer Planung, Überwachung und kontinuierlicher Pflege. Ein Beispiel dafür ist etwa das Essener Universitätsviertel Grüne Mitte: Das Regenwasser der angrenzenden Bebauung wird in Pflanzeninseln gefiltert und in kaskadenartig verbundenen flachen Wasserbecken gesammelt. Die Stadt Essen als Bauherr berichtete in einer Pressemeldung vom 4. Mai 2020, fünf Jahre nach Fertigstellung, von regelmäßigen Reinigungen: „So werden in den Sommermonaten täglich Algen und Unrat aus den Becken entnommen, auch ein Algen-Mähboot kam mehrmals zum Einsatz. Durch die neue Technik ist zu erwarten, dass die Algenbildung in Zukunft reduziert wird.“ Aufgrund der geringen Wassertiefe und direkter Sonneneinstrahlung kann eine Algenentwicklung wohl nicht vollständig vermieden werden.
Eine Alternative ohne stehendes Wasser und deutlich geringeren Herstellungs- und Unterhaltskosten ist in Freiburg i. Br., im Wohnquartier Östlich Wiehrebahnhof zu finden. Dort liegen im abschüssigen Gelände leicht vertieft Grasflächen als Sickerbeete, kaskadenartig miteinander verbunden. Der Wartungsaufwand beschränkt sich auf mehrmaliges Mähen pro Jahr. Die Zuläufe des Regenwassers aller Wohngebäude sind als offene Rinnen ausgeführt. Bei Starkregen werden die Flächen kurzfristig überstaut – die dabei entstehende Wassertiefe bleibt jedoch gering, sodass das Einzäunen nicht erforderlich ist. Nochmals preiswerter ist die Lösung in Freiburgs Solarsiedlung: Am Sonnenschiff, einem kombinierten Geschäfts- und Wohnbau entlang der Merzhauserstrasse, beginnt ein Entwässerungsgraben, der das Regenwasser der Siedlung kombiniert versickert und weiterleitet. Er ist ästhetisch angelegt, einfach zu pflegen und hat wenig Flächenbedarf.
Wohnumfeld-Optimierung
Die Zeit, in der Investoren, Baugesellschaften und Wohnungsgenossenschaften Regenwasser als lästiges Medium ableiten durften, ist vorüber. Bei Maßnahmen, die eine Baugenehmigung erfordern, macht die örtliche Behörde Auflagen zum Umgang mit Niederschlag. Diese stehen im Einklang mit EU-, Bundes- und Landesgesetzen. Der Politik geht es um Nachhaltigkeit in der Wasserwirtschaft und ein gesünderes Stadtklima. Wie die Auflagen im Detail umgesetzt werden, ist Sache der Bauherrn und ihrer Planer. Die Erste Wohnungsgenossenschaft Berlin-Pankow eG (EWG) hat in diesem Bereich bereits Erfahrungen gesammelt, so etwa durch den Neubau Dolomitenstraße 47-49, eine Blockrand-bebauung mit 39 Wohnungen, fertiggestellt 2022.
Die hier verwirklichte Idee, das Regenwasser von den Dachflächen in einem unterirdischen Speicher zurückzuhalten, zu nutzen und den nicht benötigten Rest zu versickern, ist nicht neu, doch zunehmend gefragt. Denn die Bewohner profitieren von den sinkenden Wassergebühren – und das doppelt: Zum einen entfällt die Niederschlagsableitungsgebühr komplett, zum anderen reduziert sich die Trink- und Abwassergebühr, je nachdem wie viele Kubikmeter Leitungswasser durch Regenwasser ersetzt wurden.
Regenwassernutzung und Versickerung
Auf den Dächern auftreffender Niederschlag wird gesammelt und zur Bewässerung des begrünten Innenhofs, der sechs Hochbeete und der Beete auf der Dachterrasse genutzt, optional zusätzlich für ein dort eventuell später entstehendes Gewächshaus. Die Bewohner können dort nach Absprache Gemüse oder Blumen anbauen. So wird das gesammelte Wasser zur willkommenen Ressource im Wohnumfeld. Der Regenspeicher aus Ortbeton liegt unter dem Innenhof und fasst 100 Kubikmeter. Eine Unterwasserpumpe setzt, automatisch gesteuert, zwei Bewässerungsleitungen unter Druck. Die eine führt in den Hof zu zwei Zapfstellen, die andere versorgt drei Zapfventile auf der Dachterrasse. Das Regenwasser für Toilettenspülung zu nutzen ist grundsätzlich möglich, reicht hier in der Menge aber nicht. Aufgrund dessen hat die EWG dafür Grauwasserrecycling von Duschen und Waschbecken, inklusive Wärmerückgewinnung, eingebaut.
Bei vollem Speicher wird Regenwasser automatisch, zur Versickerung in einer Mulde, an die Oberfläche gepumpt. Die Durchlässigkeit des Bodens ist jedoch schlecht, das heißt die Versickerung geschieht sehr langsam – sodass eine bestimmte Aufnahmefähigkeit des Regenspeichers als Puffer vor der Sickermulde wichtig ist. Zusätzliche Rückhaltung bietet das begrünte Retentionsdach mit besonders großem Speichervolumen und einer insektenfreundlichen Saatgutmischung namens „Bienenweide“. Der nächste logische Schritt wäre es, die Biodiversität zu optimieren und Bienenvölker auf solchen Gründächern anzusiedeln.
Und wie weiter?
Die benötigte Technik für die Regenwasserspeicherung und -nutzung ist relativ einfach und wartungsarm. Bei Neubau und Kernsanierung, wenn ohnehin Beton- und Sanitärarbeiten ausgeschrieben werden, ist die Anlage preiswert zu erwerben – doch auch nachträglich gut realisierbar, wenn der geplante Ort des Regenspeichers von den Regenfallrohren aus gut erreichbar ist. So geschehen bei den benachbarten Häusern der EWG, der Blockrandbebauung Dolomitenstrasse 41-45 mit 24 Wohnungen. Bei diesen Bestandsgebäuden wurde im Jahr 2023 unter anderem die Dachentwässerung so umgebaut, dass sie nicht mehr über den Abwasserkanal erfolgen muss. Das Regenwasser von Dächern und Balkonen wird auch hier in einem Speicher unter dem Innenhof gesammelt und zur Bewässerung der Gemeinschaftsgrünanlage genutzt. „Wir sind von der Technik überzeugt und wollen im Bestandsbau Vorreiter sein“, sagt Chris Zell, Vorstand der EWG. „Das Wasserrecycling zahlt sich aus, so unsere Erfahrung, und ist daher auch im Interesse der Genossenschaftsmitglieder und Bewohner.“
Bei der Erweiterung von Siedlungsflächen wächst das Trinkwassernetz normalerweise mit. Doch für die Bereitstellung von Löschwasser ist nicht dessen Länge, sondern Kapazität entscheidend. In Einzelfällen sind unterirdische Löschwasserbehälter erforderlich – auch bei der Nachverdichtung in bebauten Gebieten. Sind „unerschöpfliche“ Entnahmestellen wie offene Gewässer oder Brunnen nicht vorhanden, wird das Löschwasser durch einen unterirdisch eingebauten Behälter sichergestellt. Dessen Fassungsvermögen bestimmt der Stadt- bzw. Kreisbrandmeister. Die Ausstattung mit Entnahmestelle erfolgt nach DIN 14230.
Unterirdische Behälter für Löschwasser, wegen der Frostgefahr nicht frei im Gelände aufgestellt, werden mit Trink- oder Regenwasser befüllt. Denkbar ist eine kombinierte Nutzung, zum Beispiel für die Bewässerung von Außenanlagen. Dazu muss der Speicher um die zur Bewässerung erforderliche Menge größer dimensioniert werden, an einen Regenwasserzu- und -überlauf angeschlossen sein sowie Filter- und Pumpentechnik gemäß DIN EN 16941-1 und DIN 1989-100 erhalten. Eine im Speicher installierte Wasserstandssonde stoppt die Entnahme zur Nutzung automatisch, bevor die Mindest-Löschwassermenge erreicht wird.