DEPONIE WINNENDEN

„Rakete im Tiefflug“

Berstlining-Einsätze zur Neuverlegung von Rohrleitungen sind immer mit einem gewissen Nervenkitzel verbunden – erst recht jedoch, wenn die Leitung 35 m tief und unter der Basis­abdichtung einer Mülldeponie liegt.

Diese Aufgabenstellung bewältigten die Experten der KMG Pipe Technologies GmbH, Niederlassung Umwelt- und Deponietechnik, im Frühjahr 2012 auf der Deponie Winnenden-Eichholz im Auftrage der Abfallwirtschaftsgesellschaft des Rems-Murr-Kreises mbH (AWG).

 

Einsatzfall Talentwässerung

Als Talentwässerung bezeichnet man Drainageleitungen, welche die Geologie unterhalb von Abfalldeponien entwässern und sicherstellen, dass die Entsorgungsanlage nicht im Laufe der Jahre aufschwimmt.Entsprechend wichtig ist ihre Funktionssicherheit. Fatalerweise setzen sich diese Rohre ebenso  mit Inkrustationen zu wie die Sickerwasserstränge im Abfall selbst. Ein zweites Risiko für Talentwässerungen sind Schäden an den Rohren, die beim Aufbau der Basisabdichtung der Deponie oder später, bei deren Verfüllung und durch die enorme Auflast im Betrieb entstehen.

Der Ausfall solcher Leitungen ist ein Extremfall, den man tunlichst zu vermeiden sucht. Wo der „worst case“ dennoch eintritt, sind hoch anspruchsvolle Sanierungslösungen gefragt. So im Frühjahr 2012 auf der Deponie Winnenden-Eichholz der Abfallwirtschaftsgesellschaft des Rems-Murr-Kreises mbH (AWG). Hier galt es, 185 m Talentwässerungsleitungen zu sanieren – und zwar grabenlos, was sich bei 35 m Überdeckung quasi von selbst versteht. Das Konzept, das die Planer der AWG und des Ingenieurbüros ICP aus Urbach gemeinsam mit den Experten des Geschäftsbereichs Umwelt- und Deponietechnik der KMG Pipe Technologies GmbH, Niederlassung Ferrum Bau und Umwelt, entwickelte, sah den Austausch von 20 m irreparabel geschädigten StZ-Drainrohres in35 m Tiefe im Berstlining-Verfahren durch ein PE 100-Drainagerohr 280 SDR 7,4 vor. Weitere 160 Meter PE 100-Drainrohr 355 SDR 7,4 sollten im Relining-Verfahren in eine defekte, aber in der Substanz zu erhaltende Rohrstrecke aus Stahlbeton DN 600 eingezogen und der Ringraum zwischen Alt- und Neurohr mit Kies 16/32 verblasen werden.

 

Im Müll: Spritzbetonbaugruben erstellt

Voraussetzung für die erfolgreiche Realisierung des Konzepts war eine ihrerseits bereits spektakuläre Baumaßnahme im Müll von Winnenden. Am Anfangs- und am Endpunkt der zu berstenden Strecke mussten zwei Tiefschächte ausreichender Nennweite als Operationsbasis für die Leitungserneuerung abgeteuft werden, und zwar durch den Müll und die Basisabdichtung hindurch bis auf die Höhenlage der Talentwässerung. Dabei ging es konkret um Schachtbauwerke von 34 m Tiefe bei einer Weite von 4,70 m und 32 m Tiefe / Weite 5,60 m im Spritzbetonverfahren. Die Errichtung von Spritzbetonbaugruben ist eine seit Jahren bundesweit geschätzte und nachgefragte Kernkompetenz der KMG Pipe Technologies GmbH Das gilt insbesondere, wie auch in Winnenden, in Verbindung mit Sanierungsmaßnahmen am Leitungsbestand.

Bei diesem Schachtbau-Verfahren wird der Schacht mit einem Seilbagger abgeteuft und von einer abgesenkten Arbeitsplattform aus schrittweise mit einer Wand aus stahlarmierten Spritzbeton ausgebaut. Zwischen zwei dieser Schächte findet dann „von Sohle zu Sohle“ die eigentliche Leitungsbau- bzw. Sanierungsmaßnahme statt.

 

Neuer Rohrstrang eingezogen

Im 34 m-Schacht der Deponie Winnenden wurde in die geöffnete defekte Leitung eine pneumatische Berstrakete des Typs „Gigant“ der TractoTechnik GmbH eingesetzt und mit einem zuvor in die Altleitung eingezogenen Stahlseil verbunden. Der Rakete wurde ein gelochtes PE 100-Rohr 280 SDR 7,4 zugkraftschlüssig angekoppelt, durch das hindurch man den Pneumatik-Druckschlauch für den Antrieb der Berstrakete führte und an ein Aggregat an der Erdoberfläche anschloss. Am 17. April wurde es dann ernst: Mit weithin dröhnenden Schlägen arbeitete sich die Rakete, am Stahlseil in der Richtung stabilisiert, Meter um Meter in die defekte Steinzeugleitung vor, zerbrach sie und verdrängte die Scherben ins umgebende Erdreich. Im Vortrieb unterstützt wurde die Rakete durch eine außerhalb der Deponie in 180 m Entfernung postierte 10-Tonnen-Winde. Beim Vorrücken zog die Rakete den angekoppelten neuen Rohrstrang nach – eine spannende Angelegenheit für alle Beteiligten, denn wie sich zeigte, brachte dieser Einsatzfall die bewährte Technik bis ans äußerste Limit - und eine Havarie der Rakete unter der Deponie wäre der denkbar schlimmste Fall gewesen. Fünf endlos lange Stunden dauerte es, bis der Raketenkopf  nach 20 m im Zielschacht erschien und alle Anwesenden tief aufatmen ließ: Nervenkitzel pur - auch für die „mit allen Sickerwässern gewaschenen“  Deponieprofis von KMG PT.

 

Phase 2: Aus der anderen Richtung

Am 19.04.2012 dann Phase 2 des Vorhabens: Auf einer Wiese außerhalb des Deponiegeländes hatte man bereits Tage zuvor PE 100-Drainagerohre 355 SDR 7,4 zu einem 160 m langen Strang zusammen geschweißt, den man jetzt über ein Auslaufbauwerk der Talentwässerung bergauf in Richtung des zweiten neuen Schachtbauwerkes einzog. Die Winde tat ihren Dienst jetzt von der Gegenseite her, also von der Sohle des 32 m tiefen Schachtes aus. Nach insgesamt vier Stunden war auch dieser Kraftakt erfolgreich vollzogen; nach Verblasen des Ringraumes zwischen Altrohr und neueingezogenem Reliningstrang mit Kies 16/32 wurden die beiden neuen Talentwässerungs-Drainagerohre in der Tiefe des Schachtes miteinander verbunden. Der letzte Arbeitsgang war dann, nach so viel Extremtechnik, eher Routine: in den beiden mächtigen Schachtbauwerken wird die durch den Aushub beschädigte Deponie-Basisabdichtung sorgfältig wieder hergestellt. Die anschließende Verfüllung der Spritzbetonbaugruben mit inertem Material erfolgt durch den Deponiebetrieb in Eigenregie.

 

Erfolgreicher Abschluss

Alles in allem dauerte die Sanierung der tief liegenden Rohrleitungen einschließlich Schachtbau und Wiederherstellung der Basisabdichtung rund 24 Arbeitswochen: Für die KMG PT-Fachleute zwar keineswegs der erste Sanierungsfall dieser Art, allerdings durchaus einer von der anspruchsvolleren Art, angesichts der Tatsache, dass man sich hier sogar unterhalb der Deponie in offenkundig schwieriger Geologie bewegte. Mit Genugtuung und großer Erleichterung nahm man den Bauerfolg  auch und vor allem bei den Verantwortlichen der AWG zur Kenntnis.

Der Ausfall einer Talentwässerung ist ein Extremfall, den es zu vermeiden gilt

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