Gelebte Prävention
Die BG Bau stärker als Partner wahrnehmenDie THIS sprach mit Dipl.-Ing. FH Björn Kass, neuer Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), über Herausforderungen auf Baustellen, Bürokratie und partnerschaftliche Unterstützung von Bauunternehmen.
THIS: Vorab – viel Erfolg bei Ihrer neuen Aufgabe. Welche Schwerpunkte oder Ziele haben Sie sich dafür gesetzt?
Björn Kass, Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau)
© Jan-Peter Schulz – BG BAU
Björn Kass: Ein Schwerpunkt wird sein, die Prävention weiterhin stark an der Praxis auszurichten und unsere Mitgliedsunternehmen mit einfachen, verständlichen Angeboten zu unterstützen. Gleichzeitig möchte ich den Dialog mit den Unternehmen und Beschäftigten weiter intensivieren. Die BG Bau soll noch stärker als kompetenter Partnerin wahrgenommen werden, die nicht nur kontrolliert, sondern berät, unterstützt und gemeinsam Lösungen entwickelt. Denn unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort leisten eine hervorragende und sehr erfolgreiche Präventionsarbeit. Das müssen wir noch stärker nach vorne bringen und das Thema Berufsgenossenschaft positiv besetzen.
THIS: Sie kommen selbst aus der Praxis. Wie prägt das Ihren Blick auf Arbeitssicherheit?
Björn Kass: Ich komme aus dem operativen Hoch- und Tiefbau. Viele Jahre war ich im Gewerbebau unterwegs, im Tankstellenbau, auf Baustellen in Raffinerien, in der chemischen Industrie und bei vielen anderen Projekten. Später bin ich bewusst in den Arbeitsschutz gewechselt, zunächst bei einem Spezialtiefbauunternehmen. Mich prägt deshalb vor allem der Blick für die Realität auf der Baustelle. Arbeitssicherheit funktioniert aus meiner Sicht nur, wenn sie nicht als theoretische Vorgabe wahrgenommen wird, sondern im Arbeitsalltag tatsächlich umsetzbar ist. Wer selbst aus der Praxis kommt, weiß, dass Zeitdruck, wechselnde Baustellenbedingungen und eingespielte Routinen dabei eine große Rolle spielen. Deshalb ist es mir wichtig, die Menschen mitzunehmen, praktikable Lösungen zu finden und Sicherheit so in die Abläufe zu integrieren, dass sie selbstverständlich wird.
THIS: Was ist die Besonderheit am Spezialtiefbau?
Björn Kass: Die anspruchsvollen Herausforderungen. Der Spezialtiefbau hat mich damals richtig gepackt. Er ist sehr maschinenintensiv. Da werden Maschinen mit mehreren hundert Tonnen Einsatzgewicht bewegt. Sicher mit solchen Maschinen umzugehen, ist elementar.
THIS: Sind die Herausforderungen im Hochbau andere?
Björn Kass: Ja, die Herausforderungen unterscheiden sich durchaus. Im Hochbau stehen zum Beispiel Absturzgefahren beim Arbeiten in großer Höhe und auf Gerüsten im Fokus. Im Tiefbau sind es eher Baugruben, Erdarbeiten, schwere Maschinen und Leitungen im Boden. Hochbau und Tiefbau haben aber auch Gemeinsamkeiten. Die Risiken sind ähnlich hoch, sie entstehen nur zum Teil anders. Für beide Bereiche gilt: Der Arbeitsschutz muss zu den konkreten Bedingungen auf der Baustelle passen.
THIS: Um diese unterschiedlichen Betriebe und Beschäftigten zu erreichen, muss die BG Bau aber auch als Ansprechpartner akzeptiert werden. Steht Ihr Ruf als Kontrollinstanz dem manchmal im Weg?
Björn Kass: Ja, das kann manchmal eine Rolle spielen. Ich selbst habe es in der Praxis allerdings oft anders erlebt: Wenn man bei einem Thema nicht weiterkam, hieß es eher: „Wie können wir das hier vernünftig und sicher lösen? Unterstützt uns mal.“ Genau diese Seite der BG Bau müssen wir noch stärker sichtbar machen. Natürlich gehört Kontrolle zu unserem Auftrag. Aber genauso wichtig ist die Beratung. Unsere Aufsichtspersonen unterstützen die Unternehmen dabei, sichere Lösungen zu finden, mit denen sie Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten vermeiden.
THIS: Wie lässt sich dieses andere Bild der BG Bau vermitteln?
Björn Kass: Indem wir stärker zeigen, was die BG Bau in der Praxis tatsächlich leistet. Dazu gehört für mich auch, da präsent zu sein, wo wir die Menschen erreichen. Social Media spielt dabei eine wichtige Rolle. Dort geben wir praktische Tipps und Einblicke in unsere Arbeit und können Beschäftigte wie Unternehmen direkt ansprechen. So haben wir beispielsweise auf TikTok inzwischen 40.000 Follower. Dort zeigen unsere Kolleginnen und Kollegen aus dem Aufsichtsdienst ganz praktisch, wie unsere Präventionsarbeit auf den Baustellen und in den Mitgliedsunternehmen aussieht. Und es wird deutlich: Wir haben großartige Leute, die einen richtig guten Job machen.
THIS: Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Björn Kass: Wir müssen die Beschäftigten und Unternehmen frühzeitig erreichen, für Risiken sensibilisieren und ihnen vor allem praxisnahe Angebote machen. Das ist insbesondere für die kleinen und mittleren Unternehmen wichtig, die in der Regel nicht über eigene Fachabteilungen für Arbeitsschutz verfügen. Sie machen über 90 Prozent unserer Mitgliedsunternehmen aus. Viele Betriebe bestehen sogar nur aus bis zu zehn Beschäftigten. Genau diese Unternehmen brauchen unsere Unterstützung. Wir müssen ihnen Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie Sicherheit einfach und praxisnah umsetzen können. Unsere „Bausteine“ sind dafür ein gutes Beispiel.
THIS: Wie könnte Entbürokratisierung gerade für kleine Betriebe konkret aussehen?
Björn Kass: Gerade kleine Unternehmen brauchen einfache und praxistaugliche Lösungen. Das heißt für mich: verständliche Vorgaben, weniger Doppelarbeit und digitale Angebote, die wirklich Zeit sparen. Dabei müssen wir aber klar unterscheiden: Für den gesetzlichen Rechtsrahmen ist der Gesetzgeber zuständig. Als Unfallversicherungsträger können wir dort ansetzen, wo wir selbst Gestaltungsspielräume haben, etwa bei Verfahren, Regelungen und unseren Unterstützungsangeboten, wenn es zum Beispiel um die Erstellung und Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung oder die nachgelagerten Nachweise gemäß Arbeitsschutzgesetz geht. Aber: Weniger Bürokratie darf nicht weniger Sicherheit bedeuten.
THIS: Wie weit kann man Dokumentation herunterschrauben?
Björn Kass: Ganz ohne Dokumentation wird es nicht gehen. Dokumentation ist aber natürlich kein Selbstzweck. Wir sollten uns immer fragen: Was brauchen wir tatsächlich, um Sicherheit nachvollziehbar zu gewährleisten und worauf können wir verzichten? Wo Dokumentation notwendig ist, sollte sie so einfach und praktikabel wie möglich sein. Ein Ansatz könnte beispielsweise sein, die wesentlichen Gefährdungen auf die gewerkespezifischen, lebenswichtigen Regeln herunterzubrechen und dies als Basis für die weitere Dokumentation zu sehen. Solche lebenswichtigen Regeln hat die BG Bau übrigens im Rahmen ihres Präventionsprogramms „Bau auf Sicherheit. Bau auf Dich.“ für insgesamt 15 Gewerke entwickelt. Die lebenswichtigen Regeln ersetzen aber natürlich nicht die Dokumentationspflichten beispielsweise nach Arbeitsschutzgesetz.
THIS: Wo liegen dabei die Hürden?
Björn Kass: Die Hürden liegen zum einen im bestehenden Rechtsrahmen, der bestimmte Anforderungen an die Dokumentation vorgibt. Zum anderen müssen wir aufpassen, dass eine Vereinfachung nicht dazu führt, Gefährdungen aus dem Blick zu verlieren. Die Herausforderung besteht also darin, rechtssicher zu vereinfachen und gleichzeitig das notwendige Schutzniveau zu erhalten.
THIS: Der politische Wille ist ja da, das anzugehen. Aber wie lange dauert es, bis regulatorische Veränderungen tatsächlich auf der Baustelle ankommen?
Björn Kass: Das geht sicher nicht von heute auf morgen. Gesetzliche und regulatorische Änderungen brauchen Zeit, und mit einer neuen Regel oder gesetzlichen Vorgabe allein ist es noch nicht getan. Sie müssen verständlich aufbereitet, in die betrieblichen Abläufe übersetzt und von den Menschen vor Ort umgesetzt werden.
THIS: Politik bedeutet aber auch Kompromisse. Wie kommt ein Mann der Praxis mit solchen Prozessen klar?
Björn Kass: Kompromisse gehören einfach dazu – auch in der Praxis. Auf einer Baustelle treffen schließlich ebenfalls unterschiedliche Interessen und Anforderungen aufeinander. Ich finde es wichtig, die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz nicht aus den Augen zu verlieren und Lösungen zu finden, die am Ende auch funktionieren. Meine Praxiserfahrung hilft mir dabei: Ich frage immer auch, was eine Entscheidung konkret für die Menschen und Betriebe vor Ort bedeutet.
THIS: Auch in der Planungsphase wird viel um Arbeitsschutz gerungen. Er wird dabei häufig noch als Kostenfaktor gesehen, statt Sicherheit von Anfang an mitzudenken. Wie lässt sich das ändern?
Björn Kass: Indem wir deutlich machen, dass Arbeitsschutz kein zusätzlicher Kostenfaktor ist, sondern dass er sich auszahlt. Wenn Sicherheit nämlich bereits in der Planung mitgedacht wird, lassen sich Risiken frühzeitig vermeiden, Abläufe besser organisieren und teure Nachbesserungen oder Ausfallzeiten reduzieren. Eine ordentliche, saubere Baustelle ist immer auch eine sichere Baustelle und am Ende eine wirtschaftliche Baustelle.
THIS: Arbeitsschutz und Wirtschaftlichkeit sind also kein Gegensatz?
Björn Kass: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Arbeitsschutz und Wirtschaftlichkeit gehören zusammen. Das ist ganz klassisch betriebswirtschaftlich: Wer Sicherheit von Anfang an mitplant, schafft klare Abläufe, vermeidet Störungen und reduziert das Risiko von Unfällen und Ausfallzeiten. Sicheres Arbeiten ist deshalb nicht nur eine Frage der Verantwortung gegenüber den Beschäftigten, sondern auch ein Faktor für einen wirtschaftlich erfolgreichen Bauablauf.
THIS: Müsste bei diesen Fragen nicht auch der Auftraggeber stärker in die Pflicht genommen werden?
Björn Kass: Unbedingt. Arbeitsschutz beginnt nicht erst mit der Ausführung, sondern bereits bei der Planung und Vergabe. Auftraggeber stellen hier wichtige Weichen, etwa bei Zeitvorgaben, der Ausschreibung und Baustellenorganisation. Mit der Baustellenverordnung und den Regeln zum Arbeitsschutz auf Baustellen haben wir gute Instrumente. Sicherlich kann man an der einen oder anderen Stelle sprachlich oder inhaltlich modernisieren, aber das System als solches hat sich bewährt.
THIS: Können digitale Planung und BIM dabei helfen?
Björn Kass: Auf jeden Fall. Gerade BIM bietet die Chance, Arbeitsschutz viel früher und systematischer in die Planung zu integrieren. Wenn ich den Bauablauf digital plane, kann ich Sicherheitsaspekte gleich mitdenken bis hin zum späteren Betrieb des Gebäudes. Wo brauche ich Absturzsicherungen? Wo brauche ich Anschlagpunkte? Wann brauche ich welche Menge an Klemmständern, Gerüstbohlen oder Netzen und wie oft kann ich die einsetzen? Arbeitsschutz darf nicht nur ein Zusatz im digitalen Modell sein, sondern muss von Anfang an als fester Bestandteil der Planung verstanden werden.
THIS: Auf vielen Baustellen arbeiten Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammen. Wie geht man mit den Sprachbarrieren beim Arbeitsschutz um?
Björn Kass: Das ist eine der großen Herausforderungen auf unseren Baustellen. Beim Arbeitsschutz müssen die Botschaften wirklich bei jedem und jeder ankommen – unabhängig von der Muttersprache. Am Ende zählt nicht, dass eine Unterweisung formal stattgefunden hat, sondern dass die Beschäftigten verstanden haben, wie sie sicher arbeiten.
THIS: Wie lässt sich das in der Praxis lösen?
Björn Kass: Wir müssen Arbeitsschutz möglichst einfach und verständlich vermitteln. Dazu gehören mehrsprachige Angebote und vor allem visuelle Lösungen, wie Piktogramme, Bilder oder kurze Videos, die direkt auf der Baustelle eingesetzt werden können. Auch digitale Angebote können helfen, Informationen schnell in die passende Sprache zu übersetzen. Es gibt beispielsweise Sprach-Apps, mit denen man sich verständigen kann, egal, ob der Beschäftigte polnisch, russisch, ukrainisch, spanisch oder portugiesisch spricht. In einem meiner früheren Unternehmen haben wir mit kleinen Sicherheitscheckkarten in verschiedenen Landessprachen gearbeitet. So etwas bietet die BG Bau im Übrigen auch an. Beispielsweise gibt es unsere Bausteine, die Sicherheitsregeln kurz und verständlich zusammenfassen, in zwölf verschiedenen Sprachen.
THIS: Zum Abschluss gefragt: Was ist Ihr Ziel für die ersten 100 Tage?
Björn Kass: Zunächst steht gut zuhören auf dem Programm und möglichst viele Menschen und Bereiche kennenlernen, innerhalb der BG Bau genauso wie in unseren Mitgliedsunternehmen. Ich will herausfinden, wo es gut läuft, wo es hakt und wo wir noch besser werden können. Was mir unheimlich wichtig ist: Ich möchte rausfahren. Ich möchte mit unseren Aufsichtspersonen bundesweit unterwegs sein und ihre Arbeit genauer kennenlernen. Ich setze mich natürlich auch mit den Geschäftsführungen und den Fachabteilungsleitungen zusammen. Ich will gucken: Wie funktioniert die Arbeit am Kunden und was brauchen die Kolleginnen und Kollegen, um effizient und im Sinne unserer Versicherten und unserer Mitgliedsunternehmen arbeiten zu können?
THIS: Wir danken Ihnen für dieses informative Gespräch.
BG Bau
www.bgbau.de
