„Nur einmal so eine Baustelle“

Neubau des Theaters Gütersloh

Wie hinderlich sind manchmal Gesetze – selbst, wenn es sich dabei um Naturgesetze handelt! Architekten träumen sich über diese hinweg und schaffen damit Werke, die Aufmerksamkeit und Emotionen hervorrufen. Gemeinhin wird das als „Kunst“ definiert. Jene, die mit der Ausführung der Objekte betraut sind, haben sich allerdings sehr wohl allen Gesetzen und Vorschriften zu beugen, und davon gibt es eine ganze Menge.

Nähert sich das Vorhaben eines Architekten jedoch den Grenzen des Machbaren, indem Physik, Material und Logistik bis auf das Äußerste gereizt werden, scheiden sich die sehr guten von den Spitzenkönnern ihres Fachs. Und wenn man dann noch einmal ein Sahnehäubchen draufsetzt, hat man die anspruchsvollste Baustelle Deutschlands: Das Stadttheater Gütersloh.

 

Politikum

Gütersloh: Es begann als Politikum: Sollte man das alte, hinfällig gewordene Theater renovieren oder neu bauen? Der Stadtrat machte sich seine Aufgabe nicht leicht und entschied und verhandelte und wägte alle Argumente ab: Was konnte sich eine Stadt wie Gütersloh leisten, was brauchte man, wie gestaltete man die Zukunft? Jahr um Jahr ging ins Land, und weitere Jahre. Letztlich konnten zwei ortsansässige, deutschlandweit bekannte Firmen das alles nicht mehr ansehen und brachen über das alte Theater den Stab: Es musste weg. Erhebliche Spenden würden ausschließlich für einen Neubau fließen.

Dies wirkte wie ein Zauberspruch! Der Bann war nun gebrochen, man machte sich an die Planung; alles würde vom Feinsten sein. Auftraggeber ist das Hochbauamt der Stadt Gütersloh. Projektierte Bausumme: 23 Millionen Euro.

 

Ausschreibung

Die Ausschreibung gewannen die PFP Architekten BDA aus Hamburg. Die Aufgaben waren nicht alltäglich: Theatersaal für 480 bis 530 Personen, die von allen Seiten zugängliche Bühne, eindrucksvolle Lobby, Lager- und Proberäume, alles nach dem neuesten Stand des Wissens und der Technik und alles mit den Beschränkungen eines engen, vorgegebenen innerstädtischen Bauplatzes von ca. 100 auf 150 Metern Fläche.

Ihr Modell sieht zunächst wie ein ungefüger Klotz aus, dem man an einer und der Rückseite jeweils einen Kasten gedrückt und die Vorderseite etwas abgerundet hat. Aufgrund der städtischen Bauvorschriften sowie der unmittelbaren Nähe des unter Denkmalschutz stehenden Wasserturms bleibt die maximale Höhe auf 26,5 Meter über Geländeoberkante beschränkt. Dennoch ist die Baustelle bereits Bestandteil der hiesigen Skyline.

Den Mut, sich der Ausführung zu stellen, hatte die Fechtelkord & Eggersmann GmbH (Marienfeld), kurz F&E. Nachdem das alte Theater im Jahre 2007 abgerissen wurde, begannen im Juni 2008 die Rohbauarbeiten.

F&E-Bereichsleiter Bau, Dipl.Ing. Ralf Elgner zu diesem Vorhaben: „Öffentliche Architektur ist unmittelbarer Bestandteil jeder Kultur, also eine bedeutsame Grundlage der Gesellschaft – und insofern ist eine ausschließlich wirtschaftliche Betrachtung nicht zulässig!“

 

Fundamentierungen

Auf den tragfähigen Untergrund wurden Streifenfundamente aus C 30/37 – 35/45 gesetzt. Diese nehmen beispielsweise bei den Fundamenten der Dreifachstützen Lasten von bis zu 22 Meganewton pro Quadratmeter direkt unter dem Stützenfuß (Oberkante Fundament) auf. Geschalt wurde der WU-Beton mit Raster-GE-Elementen von PASCHAL.

 

Ist der Entwurf machbar?

Das Gebäude hat 1 Keller, 1 Zwischen-, 1 Erdgeschoss und 5 Obergeschosse auf einer Grundfläche von 43 x 40 Metern. Zentrum des Ganzen ist der Bühnenturm. Auf beiden Seiten schließen sich die Technik-Teile an. An der Vorderseite des Bühnenturms ist der große Theatersaal angehängt. An diesen wiederum ist seitlich die Studiobühne angehängt, die 10 Meter nach außerhalb des Gebäudes kragt. Auf der Rückseite kragt die Hinterbühne 5 Meter nach außen. Etwa in Höhe der Technikbereiche umgibt den gesamten Vorderbereich – also den Theatersaal und den gesamten Eingangsbereich – eine Hülle aus Beton (Seiten), Stahl (Dach) und Glas (Front).

Bauabschnitt 1 sind Technikbereich und Bühnenturm; Bauabschnitt 2 ist der Zuschauersaal, Bauabschnitt 3 sind die Wendeltreppe, das Foyer, das Haupttreppenhaus und die Studiobühne.

 

 

Anforderungen und Lösungen

Die extreme und hypermoderne Statik wurde von Prinz & Pott (Bielefeld) gelöst. Ganz unterschiedliche Bestandteile des Bauwerks zeigen Besonderheiten auf. Beispiele:

- Der schwebend erscheinende Theatersaal ist an den Bühnenturm angehängt. Ein Teil der Last wird auf der Vorderseite von zwei Paaren von jeweils drei Schrägstützen aufgenommen. Diese spreizen sich, als würde man eine Untertasse auf drei Fingern balancieren. Sie haben lediglich Durchmesser von 45 Zentimetern, bestehen jedoch aus C 100/115 Schleuderbeton und nehmen pro Stück eine Last von 3700 kN auf. Die schräge Unterseite besteht aus Betonfertigteilen. Vor allem die 40-cm-Seitenwände sind auf Druck ausgerichtet und halten den Saal in der Schwebe. Reihen von 30-Tonnen-Fertigteil-Querträgern tragen die 20 cm dicke Saaldecke; sie wurden durch einen 300-Tonnen-Mobilkran gesetzt. Beidseitig des Saales wiederum hängen 30 cm starke Seitenwände, die an den oben genannten Querträgern aufgehängt und somit ein Zugsystem sind.

- Besonders fällt die zum Wasserturm liegende Seitenwand auf – denn auch sie scheint zu schweben. Sie ist 40 cm dick, 21,8 m hoch und 29,1 m lang. Darunter sind nur Glas, eine 4,5 Meter lange Betonscheibe, kleine Pfeiler und Türen. Eine Strecke von 10,5 Metern hatte während des Baus trotz ihrer Höhe keinerlei Seitenberührung und wurde temporär mit Stahlseilen sowie diagonalen Stahlträgern HEB 200 ausgesteift; erst mit Aufsetzen des Dachs und quer über 43 m mit nur zwei Zwischenstützen mit HEA 800 Stahlpfetten sind die Seiten miteinander verbunden. Auch hier wird ein bedeutender Teil der Last der Wände per Zug in den daneben stehende Gebäudeteil abgeleitet.

- Eine nach oben breiter werdende im Grundriss klothoidenförmige Spiraltreppe aus Ortbeton verbindet die Obergeschosse miteinander. Im ursprünglichen Entwurf wurde die Treppe nur durch einige wenige Verbindungen an den Stockwerken gehalten. Aufgrund der zu erwartenden – sicherheitstechnisch bedenklichen – Vertikalschwingungen mit Amplitude von 20 cm entschloss man sich, die Treppe zusätzlich an einer fast 22 m hohen Betonsäule zu verankern. Diese Schleuderbetonstütze mit dem Durchmesser von 35 cm dient als fixer Abstandshalter und leitet 4.000 kN Last ab.

- Die Front ist 43 m lang und 24 m hoch – so groß wie vier Tennisplätze. Sie wird vollverglast. Die Scheiben werden jedoch nicht in herkömmlichen Fächern eingesetzt, die ihr Gewicht an die Basis weitergeben, sondern in der Reihe an den obersten Stahl-Querträgern aufgehängt.

F&E-Bereichsleiter Bau, Dipl.-Ing. Ralf Elgner: „Das ist Architektur! In diesem besonderen und einmaligen Bauobjekt werden die Kräfte aufgrund modernster statischer Berechnungen spazieren geführt!“

 

Beton- und Schalarbeiten

Die Fechtelkord & Eggersmann GmbH ist mit einem eigenen Schalungspark an Systemelementen der Athlet-Schalung sowie der Raster Universalschalung ausgerüstet. Zusätzliches Material für diese Großbaustelle wurde von der nahen PASCHAL-Niederlassung Gifhorn angemietet. Polier Stefan Kisse, Stahlbetonbau- und Maurermeister: „Die Beratung durch den Paschal-Fachberater Getz war hervorragend, und die ausgearbeiteten Schalpläne immer gut.“

Kleinere komplizierte Bereiche wurden mit der Raster geschalt, während die Athlet bei Fundamenten und Wänden zum Einsatz kam und den Hauptanteil der Schalungsarbeiten an dieser Baustelle absolvierte. Die Athlet wurde dabei nicht nur als herkömmliche Wand-, sondern auch bis in 23 Meter Höhe als Kletterschalung verwendet, wobei ein Klettertakt 4,20 Meter hoch war. Das Klettern gestaltete sich anspruchsvoll aufgrund der Aussteifungsprobleme, die eine 23 Meter hohe, solitär stehende Wand aus physikalischen Gründen hat. Alle Arbeiter auf den Arbeitsbühnen mussten sich aus Sicherheitsgründen angurten!

Die Großflächenschalung Athlet ist eine Stahl-Rahmenschalung, welche sich hervorragend für den Einsatz im Industrie- und Ingenieurbau eignet. Sie bietet Rekordwerte bezüglich der Frischbetondruckaufnahme, der eingehaltenen Ebenheitstoleranzen und der geringen Anzahl von Spannstellen im Beton. Das durchdachte Schalungssystem erschließt darüber hinaus vielfältige Einsatzmöglichkeiten im Hoch- und Tiefbau. Hohlkastenprofile aus hochfestem Stahl mit 16 cm Bauhöhe, trapez- bzw. hutförmige Querprofile, entsprechende Materialstärken und ihre konstruktive Optimierung erlauben höchste Frischbetondrücke. Insgesamt gab es 32.000 m² zu schalende Fläche.

Auch Unterstützungen wurden eingesetzt. Hier ist vor allem die 20 Meter hohe Schwerlastunterstützung eines Unterzugs innerhalb des Gebäudes zu nennen. Die spiralförmige Treppe wurde traditionell in Zimmermanns-Manier erstellt, da jeder Quadratmeter anders und ohne wiederholte Elemente war. Alle anderen Treppen sind Fertigteile ab Werk.

Die Bewehrung musste aus statischen Gründen überdurchschnittlich stark sein. Nicht nur, dass mehr Eisen als sonst verflochten wurde, es hatte auch Durchmesser bis 28 Millimeter. Als Tribut an die höchst komplexe Statik wurden die Bewehrungen der einzelnen Gebäudeteile mittels Schraubverbindungen aneinander befestigt. Für einige neuralgische Übergangsstellen mussten gar Spezialschweißer aus anderen Bundesländern verpflichtet werden. Es wurden 7.500 m³ Beton C30/37, C35/45 und C40/50 eingebaut sowie 740 Tonnen Stahl.

 

Das Kartenhaus

Der begrenzte innerstädtische Platz ließ keine bedeutsame Lagerhaltung zu. Drei Kräne sind unablässig beschäftigt. Es wurden keine Winterpausen gemacht. Die Lieferung von Material erfolgte Just-in-Time. Bei dem vorliegenden erheblichen Volumen war hierfür eine komplexe Planung erforderlich, verbunden mit langer Erfahrung, wie die Kolonnen alles so packen konnten wie berechnet. Das gesamte Bauwerk ist zwar in verschiedene Bauabschnitte eingeteilt, jedoch laufen viele Arbeitsprozesse parallel. Zudem zwingt die komplexe Statik mit zahlreichen an Decken oder oberen Stockwerken angehängten Bestandteilen dem Bauausführer geradezu eine gewaltige Materialschlacht auf. Denn sämtliche Unterstützungsmaßnahmen für die darunter liegenden Böden/Decken oder Unterzügen, seien sie auch noch so aufwändig, konnten so lange nicht entfernt werden, bis auch die oben liegenden tragenden und das Bauwerk stabilisierenden Strukturen komplettiert waren. Hätte man die Unterstützungen entfernt, wäre die nur fast fertige Baustelle wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Das Takten, also das gestaffelte, mehrfache und daher effiziente Wiederverwenden von Baustellenmaterial, war daher nicht durchgängig möglich.

Bis zur Herstellung der Saaldecke mussten daher ein Großteil der Unterstützungen unter dem Theatersaal bleiben. Noch deutlicher wird das bei den scheinbar frei schwebenden Seitenwänden: Bis zuletzt werden sie die während des Baus dort integrierten Stahlstützen enthalten. Erst nach Beendigung der Rohbauphase, wenn also nichts mehr geändert oder verbessert werden kann, können sie entfernt werden.

 

Aussichten

F&E-Bauleiter Dipl.-Ing. Ralf Hündorf ist durchaus zufrieden über den bisherigen erfolgreichen Verlauf, betont aber den hohen Anspruch: „Dies ist kein simpler Geschossbau! – Nur ein Mal so eine Baustelle – danach hat man einfach alles gesehen!“

Im Frühling 2010 soll das Gebäude eingeweiht werden. Es stehen bereits Schauspielertruppe, Leitung und das Spielprogramm fest. Haupteinzugsbereich des Theaters ist der Kreis Gütersloh und die benachbarten Gemeinden.

Autor: Dipl.-Geol. Frank G. Gerigk, Paschal-Werk G. Maier GmbH

Nur ein Mal so eine Baustelle – danach hat man einfach alles gesehen!

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