10 Jahre Fachkongress für Absturzsicherheit

Von der BMW-Welt bis zum Axel-Springer-Campus

Was 2016 als vergleichsweise kompakte Veranstaltung begann, hat sich zu einem praxisnahen Branchentreff entwickelt. Ein Rückblick auf besondere Schauplätze, prägende Debatten und die Entwicklung der Absturzsicherheit.

Absturzunfälle machen jährlich bis zu ein Drittel der tödlichen Arbeitsunfälle in Deutschland aus, dadurch gehören sie zu den gravierendsten Unfallrisiken der Bauwirtschaft. Vor diesem Hintergrund entstand im Bauverlag die Idee, dem Thema eine eigene Veranstaltung zu widmen. Was 2016 im Sheraton Airport Hotel Frankfurt vergleichsweise kompakt begann, entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem Fachkongress, bei dem Absturzsicherheit zunehmend nicht nur diskutiert, sondern an realen Gebäuden, Baustellen und Arbeitssituationen auch sichtbar gemacht wurde.

Die Themen haben sich dabei erheblich erweitert – die zentrale Frage ist jedoch geblieben: Wie lassen sich Arbeiten in der Höhe so planen, organisieren und ausführen, dass Menschen gar nicht erst in eine Absturzsituation geraten?

Wenn das Gebäude selbst Teil des Kongresses wird

Eines der Merkmale, die den Fachkongress früh von einer klassischen Vortragsveranstaltung unterschieden, war die zunehmende Einbeziehung der Veranstaltungsorte. Ein wichtiger Schritt war 2017 die BMW-Welt in München, welche nicht nur als Kulisse diente. An seiner ungewöhnlichen Dachkonstruktion ließ sich zeigen, wie Absturzsicherheit beim Errichten und später bei Wartungsarbeiten berücksichtigt werden kann. Fallversuche, Demonstrationen und Mitmachaktionen auf einem großen Absturzsicherheits-Marktplatz ergänzten die Vorträge.

2018 wurde dieser Praxisgedanke im Kameha Grand in Bonn noch einmal deutlich weitergeführt. Im Veranstaltungsbereich stand ein eigens errichtetes, rund sechs Meter hohes Musterhaus – eine Hälfte mit Steil-, die andere Hälfte mit Flachdach. Hersteller konnten daran ihre Sicherungssysteme unter realitätsnahen Bedingungen zeigen. Am Abend demonstrierten Höhenarbeiter zusätzlich eine Absturzsituation mit anschließender Rettung.

Nach der coronabedingten Unterbrechung wurde 2021 ein bereits für 2020 vorbereitetes Vorhaben nachgeholt: der Besuch von Stuttgart 21. Der Neustart des Kongresses fand noch unter strengen Corona-Schutzmaßnahmen mit Impfnachweis und Maskenpflicht statt. Umso erfreulicher war die Möglichkeit, das Großprojekt in Stuttgart und die dortigen Sicherheitsvorkehrungen vor Ort zu erleben.

2022 folgten gleich zwei außergewöhnliche Bau­werke. In der Veltins-Arena in Gelsenkirchen konnten Dach und Tragwerk aus einer Perspektive betrachtet werden, die gewöhnlichen Besucher:innen verborgen bleibt. Der Gasometer Oberhausen wiederum machte deutlich, welche Anforderungen entstehen, wenn Sanierungs- und Wartungsarbeiten in Höhen von weit über 100 Metern ausgeführt werden.

Dieses Prinzip zieht sich bis heute durch die Reihe. 2024 bot die DASA Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund den passenden Rahmen für Arbeitsschutz und Prävention. 2025 wurde der Axel-Springer-Campus in Berlin zum praktischen Anschauungsobjekt: Ein Seilzugangssystem, das bereits zwei Jahre zuvor auf dem Kongress vorgestellt worden war, konnte nun am realen Gebäude besichtigt und im Einsatz erlebt werden.

Absturzsicherheit beginnt nicht erst auf der Baustelle

Ein zweiter roter Faden zieht sich beinahe durch die gesamte Geschichte des Kongresses: die Frage, wie früh Absturzsicherheit berücksichtigt werden muss.

Schon bei der Premiere 2016 gehörten Planung, Bewirtschaftung und Wartung zum Programm. In den folgenden Jahren wurde daraus zunehmend eine Grundsatzfrage. Wer trägt Verantwortung dafür, dass später sicher gearbeitet werden kann? Architekt, Bauherr, Fachplaner, SiGeKo, ausführendes Unternehmen oder Betreiber? Wie verteilt sich die Verantwortung auf die verschiedenen Instanzen?

Besonders deutlich wurde diese Diskussion 2019 in Hamburg. Referent und Architekt Jan Störmer macht deutlich: Er sieht sich eher als Künstler und verweist für Sicherheitsbelange auf Fachplaner. Einige andere anwesende Architekten sowie weitere Baubeteiligte und SiGeKos widersprachen dieser Sichtweise deutlich.

Gerade diese Kontroverse zeigte, dass Absturzsicherheit nicht allein durch die Auswahl eines geeigneten Produkts gelöst werden kann. Viele Probleme entstehen lange, bevor jemand das Dach oder die Fassade betritt. Wo liegen Verkehrswege? Wie werden technische Anlagen später gewartet? Wo können Anschlagpunkte oder kollektive Schutzsysteme sinnvoll integriert werden? Wie gelangt ein Beschäftigter überhaupt sicher an seinen Arbeitsplatz? Diese und weitere Fragen sind zentral für ein umfassendes Sicherheitskonzept.

Die Erfahrung aus zehn Jahren Kongress lässt sich deshalb differenzierter formulieren als mit der Forderung, Sicherheit müsse zwingend schon im Entwurf vollständig gelöst sein: Absturzsicherheit lässt sich deutlich funktioneller, praktikabler und häufig auch wirtschaftlicher umsetzen, wenn sie frühzeitig in die Planung einbezogen wird.

Von Geländern und PSAgA bis zu BIM, Drohnen

und Robotik

Technisch hat sich das Spektrum des Kongresses stark erweitert. Kollektive Schutzmaßnahmen, Gerüste, Seitenschutz, Anschlageinrichtungen und persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz gehörten von Beginn an zu den Kernthemen. Hinzu kamen Hubarbeitsbühnen, Arbeitsplattformnetze und zunehmend Systeme für Seilzugang und schwer erreichbare Gebäudebereiche.

Der Rückblick zeigt aber auch, dass vermeintlich neue Themen häufig eine längere Vorgeschichte haben. BIM wurde beispielsweise bereits 2018 im Zusammenhang mit Sicherheit und Planung diskutiert. Für 2026 steht das Thema erneut auf dem Programm – nun unter anderen technischen Voraussetzungen und mit konkreteren digitalen Werkzeugen.

Ähnlich verhält es sich mit Seilzugangstechnik. Sie war schon 2018 Thema, spielte 2023 beim Axel-Springer-Campus eine wichtige Rolle und wurde 2025 in Berlin am lebenden Objekt demonstriert.

Neu ist dagegen die Geschwindigkeit, mit der Automatisierung und unbemannte Systeme in den Arbeitsschutz hineinwirken. 2025 wurde mit Robotik und UAV-Technik erstmals deutlich die Frage gestellt, ob bestimmte gefährliche Tätigkeiten überhaupt noch von Menschen ausgeführt werden müssen. Für 2026 sind unter anderem BIM-Anwendungen und künstliche Intelligenz bei der Gefährdungsbeurteilung vorgesehen.

Damit verändert sich auch der Blick auf die Prävention. Die Frage lautet nicht mehr nur: Wie sichere ich einen Menschen bei einer gefährlichen Tätigkeit? Zunehmend wird dem eine zweite Frage vorangestellt: Wie kann die Tätigkeit verändert werden, dass sich der Mensch gar nicht mehr im Gefahrenbereich aufhalten muss?

Der Mensch bleibt der entscheidende Faktor

So technisch viele Lösungen sind, zeigte sich über die Jahre immer wieder, dass Sicherheit nicht allein eine Frage der Ausrüstung ist.

2019 rückte verhaltensorientierte Arbeitssicherheit stärker in den Fokus. 2023 wurde mit „Vision Zero“ die grundsätzliche Haltung aufgegriffen, schwere und tödliche Arbeitsunfälle nicht als unvermeidbaren Bestandteil des Bauens hinzunehmen.

Auch Unterweisung und Gefährdungsbeurteilung ziehen sich durch die Geschichte des Kongresses. Denn selbst das beste Sicherungssystem hilft wenig, wenn es falsch eingesetzt wird, Beschäftigte seine Funktion nicht kennen oder Arbeitsabläufe dazu führen, dass sich Schutzmaßnahmen umgehen lassen.

Was passiert, wenn trotzdem etwas geschieht?

Absturzsicherheit endet nicht bei der Verhinderung eines Absturzes. Auch die Rettung eines verunfallten Menschen wurde immer wieder Teil des Kongresses.

2018 demonstrierten Höhenarbeiter in Bonn eine Absturzsituation mit anschließender Rettung. 2024 zeigte die Höhenrettungsgruppe der Dortmunder Feuerwehr in der Stahlhalle der DASA eine Rettungsübung.

Damit rückte eine Frage in den Blick, die in der Praxis leicht vergessen wird: Wer mit persönlicher Absturzsicherung arbeitet, braucht nicht nur einen Anschlagpunkt und die richtige Ausrüstung, sondern auch ein funktionierendes Rettungskonzept.

Parallel weitete sich der Blick auf weitere Gefährdungen aus. Photovoltaikanlagen verändern Dachflächen und damit Verkehrswege und Wartungssituationen. Blitzschlag wurde 2024 als Gefahr bei Arbeiten im Freien thematisiert. Komplexe Fassaden und immer stärker technisch belegte Dächer stellen neue Anforderungen an sichere Zugänge und dauerhafte Sicherungssysteme.

Konstanten in einer sich verändernden

Veranstaltung

Bei aller thematischen Entwicklung sind einige Elemente seit den ersten Jahren erstaunlich konstant geblieben. Unfallzahlen und Regelwerk gehören ebenso dazu wie Haftungsfragen, Gefährdungsbeurteilung und die praktische Vorstellung von Schutzsystemen.

Auch einzelne Personen begleiten die Reihe über lange­ Zeit. Besonders Prof. Dr.-Ing. Marco Einhaus steht für die fachliche Kontinuität des Kongresses. Seit den frühen Veranstaltungen ordnet er Unfallgeschehen, Regelwerk und Entwicklungen der Prävention ein. Seine jeweiligen Funktionen und Titel haben sich im Laufe der Jahre verändert – seine Rolle als fachlicher Impulsgeber ist geblieben.

Eine weitere Konstante der Veranstaltung ist die Fachausstellung. Bei der Premiere 2016 war sie noch in den Fluren vor dem Vortragssaal untergebracht, in denen es angesichts des unerwartet großen Andrangs schnell eng wurde. Später entwickelte sie sich zu einem festen Bestandteil des Kongresses, verbunden mit Demonstrationen, praktischen Versuchen und dem Austausch zwischen Herstellern, Planern, ausführenden Unternehmen, Sicherheitsfachleuten und Betreibern.

2026: Der zehnte Kongress

Im Dezember 2026 soll der Fachkongress zum zehnten Mal stattfinden, erneut im Radisson Collection Hotel in Berlin. Das Programm zeigt, wohin sich die Diskussion entwickelt: Photovoltaik, BIM, künstliche Intelligenz, Drohnen und digitale Gefährdungsbeurteilung stehen neben klassischen Themen der Absturzsicherung.

Auch das Hotel selbst soll erneut in das Programm einbezogen werden. Der „Living Tree“ im Atrium, dessen Pflege und Wartung Arbeiten mit Seilzugangstechnik erfordern, bietet dafür ein unmittelbares Praxisbeispiel.

Mit den Innovationen der Absturzsicherheit hat sich auch der Kongress weiterentwickelt, hat neue Probleme und Lösungen aufgegriffen und einen echten Mehrwert für die Branche geschaffen. 2016 stand vor allem die Frage im Raum, wie sich Abstürze mit geeigneten Maßnahmen verhindern lassen. Zehn Jahre später geht es zusätzlich darum, Sicherheit systematisch in Gebäude und Arbeitsprozesse einzuplanen, menschliches Verhalten einzubeziehen und mit digitalen sowie automatisierten Verfahren gefährliche Situationen möglichst schon zu vermeiden, bevor es überhaupt zu einem Absturz kommen kann.

Melden Sie sich jetzt über den QR-Code für den 10. Fachkongress für Absturzsicherheit an und freuen Sie sich auf ein spannendes Programm am 8. und 9. Dezember im Radisson Collection Hotel in Berlin.

Fachkongress für Absturzsicherheit

www.kongress-absturzsicherheit.de

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 8-9/2025

Deutscher Fachkongress für Absturzsicherheit 2025

Von der Architektenkammer Berlin anerkannt mit 8 UE als Fort- und Weiterbildungsveranstaltung

Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) verzeichnete im vergangenen Jahr 78 Todesfälle auf Baustellen in Deutschland. Laut Jahresbericht 2024 der BG BAU sind die Haupt­ursachen für...

mehr
Ausgabe 01-02/2024

7. Fachkongress für Absturzsicherheit

„Arbeitsschutz muss in Handwerksbetrieben selbstverständlich werden!“
Der 7. Fachkongress f?r Absturzsicherheit fand in Friedrichshafen am Bodensee statt

Der Fachkongress für Absturzsicherheit wurde dieses Jahr zum 7. Mal vom Bauverlag mit den Redaktionen dach+holzbau und THIS in Kooperation mit der BG Bau ausgerichtet. Begrüßt wurden die...

mehr
Ausgabe 08/2020

Absturzsicherheit – wichtig auch in Zeiten von Covid-19

5. Deutscher Fachkongress für Absturzsicherheit
Absturzsicherheit: ein Thema, mit dem sich jeder am Bau Beteiligte besch?ftigen muss.

Das Thema Absturzsicherheit ist ein Thema, dem leider in zu vielen Fällen noch immer nicht genügend Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Die hohe Zahl der Verletzten und Toten durch...

mehr
Ausgabe 11-12/2024

Durch achtsames Verhalten Absturzunfälle vermeiden

Nachbericht zum 8. Fachkongress für Absturzsicherheit

Der Fachkongress für Absturzsicherheit fand dieses Jahr in der Energiehalle und der benachbarten Stahlhalle der DASA-Arbeitswelt-Ausstellung in Dortmund statt. Die DASA gibt auf einer Fläche von...

mehr
Ausgabe 10/2017

Fachkongress Absturzsicherheit 2017

Ein (lebens-)wichtiges Thema

Leider beschäftigen sich Planer, Bauunternehmer, Handwerker und Facility Manager viel zu wenig mit diesem Thema. Der zweite Deutsche Fachkongress für Absturzsicherheit will das ändern und Antworten...

mehr