„Wir wollen Vorbilder sein für andere Frauen“

Unternehmen will gleiche Bedingungen für alle schaffen

Gastkommentar von Barbara Hagedorn, Geschäftsführerin der Hagedorn Unternehmensgruppe, über die Kampagne „Frau am Bau“, die mehr Frauen für die Baubranche begeistern will.

Die Annahme, dass es auf dem Bau auf pure Muskelkraft ankommt, ist längst überholt. Genauso wie das weit verbreitete Klischee, die Arbeit auf dem Bau sei nur etwas für Männer. Wir sind überzeugt: dank neuer Arbeitsmethoden und dem technischen Fortschritt gibt es kaum einen Job, den Frauen nicht auch machen könnten. Was stattdessen zählt, sind Köpfchen, Affinität für Maschinen und Fingerspitzengefühl im Umgang mit neuester Technik.

Klischees aufbrechen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken

Wir wollen mit Klischees aufräumen, den Fachkräftemangel bekämpfen und vor allem wollen wir Vorbilder sein für andere Frauen. Deshalb starteten wir Ende 2020 mit unserer „Frau am Bau“-Kampagne. Seitdem ist viel passiert. Halb Gütersloh haben wir plakatiert, viele Interviews gegeben, ein branchenweites Netzwerk mit über 25 Firmen etabliert und einen Instagram-Kanal aufgebaut. Im August 2021 konnten wir erstmals vier junge Frauen für eine Ausbildung im gewerblichen Bereich gewinnen – drei angehende Baugeräteführerinnen und eine Tiefbaufacharbeiterin. Innerhalb der Branche ist das eine absolute Seltenheit und ein Ergebnis, was uns sehr stolz macht.

Mehr als 90 Prozent aller Baggerfahrer sind männlich. Frauen auf den Baustellen gibt es kaum, denn in keiner anderen Branche ist der Frauenanteil so gering wie im Baugewerbe. Auf gerade einmal 13 Prozent kommt der Frauenanteil hier, in bauhauptgewerblichen Berufen liegt er sogar nur bei 1,6 Prozent. Zwar steigt mittlerweile die Zahl der Bauingenieurinnen, dennoch: Nach wie vor entscheiden sich zu wenige Frauen für die Branche. Das muss sich ändern. Wir können es uns schlichtweg nicht länger leisten, für Frauen unattraktiv zu sein. Obwohl der Markt für Abbruch und Bau boomt, wird es immer schwerer, freie Stellen zu besetzen. Hinzu kommt, dass in den nächsten zehn Jahren ein Viertel der deutschen Baufacharbeiter altersbedingt ausscheiden wird. Wenn wir jetzt nicht anfangen, Strukturen zu wandeln, stehen wir in den nächsten Jahren vor noch größeren Problemen.

Natürlich ist uns bewusst, dass wir nicht von einem Tag auf den anderen die Welt verändern, aber wir legen ein erstes Fundament und möchten in kleinen Schritten etwas bewegen. Denn das Entscheidende ist, dass man anfängt und Dinge verändert. Das kann man im stillen Kämmerchen machen oder man redet über Probleme und findet auf dem Weg neue Unterstützer und inspiriert andere. Im Zuge der Kampagne haben wir deshalb das Netzwerk „WIR.KÖNNEN.BAU“ gegründet, dem sich mittlerweile mehr als 25 Firmen aus der Baubranche und dem Handwerk angeschlossen haben. Gemeinsam haben wir uns zum Ziel gesetzt, mehr Frauen für die Branche zu begeistern. Alle Mitglieder teilen die Überzeugung, dass Frauen den gleichen Job machen können wie Männer und viele Lust auf Bau haben, sich aber letztendlich nicht trauen, den Schritt zu gehen. Darum wird es Zeit, dass wir nicht nur Berge auf der Baustelle, sondern auch in den Köpfen versetzen. In regelmäßigen virtuellen Treffen tauschen wir uns aus, sprechen Probleme offen an und entwickeln Konzepte, um sowohl auf interner als auch auf externer Ebene etwas zu bewegen.

Mit unserer Kampagne möchten wir Schwierigkeiten thematisieren, aber gleichzeitig nicht in immer gleiche Klischees verfallen. Ich möchte vielmehr, dass wir alle gemeinsam Dinge voranbringen und beide Geschlechter ihre Stärken vereinen. So kann ein unschlagbares Team entstehen. Darauf hinzuarbeiten sollte unser aller Ziel sein.

Baubranche schafft Perspektiven

Nicht zu vergessen ist, dass wir abwechslungsreiche Jobs mit Zukunft bieten. Gerade im Hinblick auf die Einhaltung der Klimaziele, der Sanierung von maroder Infrastruktur und den Bedarf an Wohnraum. Wer im Bau arbeitet, schafft Chancen, Perspektiven. Wir bei Hagedorn packen ausgediente Industriebrachen an und machen sie wieder wertvoll – Grünflächenversiegelungen werden so vermieden. Unsere Arbeit ist ein wichtiger Baustein für den Strukturwandel in Deutschland. Das bietet nicht nur Männern, sondern auch Frauen, die Chance, Teil davon zu sein. Wir sind überzeugt davon, dass viele Frauen Interesse an Berufen im Baugewerbe haben, aber noch zögern. Diese Frauen möchten wir anschubsen, ihnen Mut machen, indem wir ganz bewusst Gesicht zeigen. Noch sind wir nicht viele, aber wir sind da. Und wir wollen Vorbilder sein. Dass es an weiblichen Vorbildern mangelt, ist kein Geheimnis und auch das Ergebnis einer von uns initiierten branchenweiten Umfrage. Mehr als 92 Prozent der Frauen wünschen sich mehr weibliche Vorbilder in der Branche sowie eine stärkere berufliche Förderung.

Im März 2021 starteten wir die Umfrage mit rund 800 Teilnehmer:innen. Neben dem Mangel an Vorbildern gab es weitere spannende Erkenntnisse. Zum Beispiel kam heraus, dass mehr als 95 Prozent der befragten Männer der Meinung sind, dass Frauen in der Branche einen genauso guten Job machen wie Männer. Zugleich sagen 75 Prozent der Männer, dass das mangelnde Vertrauen der Kollegen die größten Hindernisse für Frauen sind. Auch die ungleichen Voraussetzungen sind Teil der Ergebnisse. Etwa 75 Prozent der Frauen teilen die Empfindung, dass sie es in der Branche schwerer haben als Männer. Und dass Männer – bei gleichen Qualifikationen – eher befördert werden.

Wir wünschen uns gleiche Bedingungen für alle. Alle Mitarbeiter:innen sollen die gleichen Chancen haben. Geschlecht, Herkunft, Religion, sexuelle Orientierung, soziale Herkunft und Alter dürfen keine Rolle spielen. Was zählt, sind Leidenschaft, Einsatzbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein.

Trotz allem ist uns natürlich bewusst, dass auch wir bei Hagedorn weit entfernt sind von perfekt. Auch bei uns sind Frauen ganz klar in der Unterzahl. Das zu ändern, ist eine Herausforderung und geht nicht von heute auf morgen. Umso wichtiger ist es, dass wir alle an einem Strang ziehen. Und je mehr Unterstützer wir gewinnen können, umso eher kommen wir unserem Ziel ein Stückchen näher.

Hagedorn Unternehmensgruppe

www.unternehmensgruppe-hagedorn.de

Die Hagedorn Unternehmensgruppe ist Deutschlands leistungsstärkster Rundum-Dienstleister in den Bereichen Abbruch, Entsorgung, Tiefbau und Flächenrevitalisierung. Die Prozesskette der Gruppe umfasst zudem die Sanierung von Altlasten, Recycling und das Stoffstrommanagement, die Erstellung von industriellen Außenanlagen sowie die Entwicklung neuer Nutzungskonzepte. Seit dem Zusammenschluss mit der Wasel GmbH im Juli 2021 ergänzen Schwerlastlogistik und Kranservices das Portfolio. Das Familienunternehmen mit Barbara und Thomas Hagedorn an der Spitze, erzielte im Geschäftsjahr 2020 einen Umsatz von über 300 Millionen Euro. Damit gehört der im Jahr 1997 von Thomas Hagedorn gegründete Betrieb mit seinen über 1300 Mitarbeitern zu den Top 5 der größten und erfolgreichsten Abbruchunternehmen der Welt. Neben dem Hauptsitz in Gütersloh ist Hagedorn heute mit zusätzlichen Standorten deutschlandweit aktiv.

Barbara Hagedorn führt mit ihrem Ehemann Thomas die Hagedorn Unternehmensgruppe. Gemeinsam haben sie in den letzten 25 Jahren aus einem kleinen Abbruchunternehmen Deutschlands leistungsstärksten Rundum-Dienstleister für den Strukturwandel geformt. Ihr neustes Projekt, die „Frau am Bau“-Kampagne, liegt der Geschäftsführerin besonders am Herzen: denn sie möchte mehr Frauen für Bauberufe begeistern. Auch MIThelfen, ein dauerhaftes, soziales Engagement, das alle Mitarbeiter einbezieht, geht auf ihre Initiative zurück.

x

Thematisch passende Artikel:

Hagedorn-Umfrage: Mitarbeiter:innen fordern mehr weibliche Vorbilder und ein Umdenken auf Deutschlands Baustellen

Online-Umfrage mit rund 800 Teilnehmer:innen innerhalb der Bau- und Abbruchbranche veröffentlicht. Eines der Ergebnisse: Männer sind überzeugt, dass Frauen in der Branche einen genauso guten Job machen

Die berufliche Zufriedenheit in der Bau- und Abbruchbranche ist hoch und die wirtschaftlichen Perspektiven sind trotz Corona aussichtsreich. Doch innerhalb der nächsten 10 Jahre geht rund ein Viertel...

mehr
Ausgabe 2021-08

Chirurgische Feinarbeit, brachiale Reißkraft

www.unternehmensgruppe-hagedorn.de Der KTEG Multi Carrier 1600S der aus Gütersloh stammenden Hagedorn-Unternehmensgruppe ist der Tyrannosaurus Rex unter den Abbruchbaggern. Er erreicht bis zu 60 m...

mehr

Hagedorn Kampagne für mehr Frauen auf dem Bau

Ziel für 2021: Mindestens drei weibliche Auszubildende für die Arbeit auf den Baustellen gewinnen

Lange war das Thema Frauenquote nicht mehr so präsent wie derzeit. Der Beschluss der schwarz-roten Koalition, dass in Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter privater und...

mehr
Ausgabe 2020-08

Recruiting per WhatsApp und Co

Auf digitalem Wege in die analoge Branche

Im Baugewerbe werden knapp 20.000 neue Mitarbeiter gesucht. Die Suche nach Fachkräften wird immer schwieriger. Bereits letztes Jahr kündigte Thomas Hagedorn öffentlichkeitswirksam an, sofort 100...

mehr
Ausgabe 2022-1-2

Strukturwandler:innen

Die Baubranche ist männlich: Frauen seien zu schwach, zu sensibel und zu zart für die Baustelle. So lauten die Klischees. In der Gesellschaft hat sich das Bild vom Baggerfahrer, vom Maurer und vom...

mehr