Baumpflanzung an Straßen

100 Experten im Dialog bei der ACO Academy

Wer Bäume pflanzt, investiert in die Zukunft – wenn er dabei fachgerecht vorgeht. Der professionellen Vorbereitung und Ausführung widmete sich die Veranstaltung „Baumpflanzungen an Straßen“, die am 20. Januar 2010 mehr als 100 Teilnehmer in die ACO Academy zog. Das Programm war breit angelegt: von der Alleengestaltung über Vorbereitungen zur Pflanzung, Auftragsvergabe, Pflanzenproduktion, Schnitt und Pflege, die Qualitätssicherung bei der Abnahme bis hin zu praktischen Aspekten aus dem Straßenbau.

„Die Veranstaltung hat gezeigt, dass großer Bedarf am interdisziplinären Austausch über Baumpflanzungen besteht“, so Bettina Watermann von der Akademie für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein, die gemeinsam mit ACO Tiefbau, dem Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume und dem Landesbetrieb Straßenbau Schleswig-Holstein eingeladen hatte. Alle Vorträge stehen unter www.afnu.schleswig-holstein.de im Internet zum Download bereit.

 

Alleen als ökologischer Faktor

Als erster Referent sprach Dr. Holger Gerth, Schleswig-Holsteinischer Heimatbund, über die Erhaltung und Neuanpflanzung von Alleen. Aktuelles Projekt: die 1832 angelegte Chaussee von Altona nach Kiel, die nach historischen Plänen und neuesten verkehrstechnischen Anforderungen in ihrem Alleencharakter wiederbelebt werden soll. Gerth erläuterte die elementaren Funktionen von Alleen für den Naturhaushalt. So bieten die Bäume nicht nur anderen Organismen einen Lebensraum, sie wirken auch als Windschutz und filtern Staubpartikel aus der Luft. Am wichtigsten ist ihre physiologische Funktion: Über die großen Assimilationsflächen – rund 800.000 Blätter im Falle einer alten Linde – wird so viel CO2 aufgenommen und umgewandelt, dass der Baum während seiner Vegetationszeit etwa 10 Menschen mit Sauerstoff versorgen kann. Wie eindrucksvoll zugleich die Raumbildung einer Allee ist, zeigte der Referent am Beispiel der 150 Jahre alten Schönbökener Lindenallee.

 

Baumpflanzungen:
Vergabe und Vertragliches

Der Wert eines ausgewachsenen großen Baums kann bei mehreren zehntausend Euro liegen. Schon bei der Auftragsvergabe von Neupflanzungen zählt daher hohe Professionalität. Dipl.-Ing. Matthias Werner vom Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein zeigte auf, welche Bestimmungen innerhalb der Normenwerke zu beachten sind. Die Kaskade führt von der VOB über die Fachnormen des Landschaftsbaus – speziell DIN 18915 für Bodenarbeiten und DIN 18916 für Pflanzen und Pflanzarbeiten – bis hinunter zu den FLL-Regelwerken als Ergänzung der DIN-Normen. Als „Bibel für Baumplanzungen im Straßenbau“ bezeichnete Werner Teil 1 und 2 der FLL-Regeln sowie die ZTV La-StB 05.Der Referent empfahl, bei der Ausschreibung das „Standardleistungsbuch für das Bauwesen (STLB-Bau)“ bzw. den „Standardleistungskatalog für den Straßen- und Brückenbau (STLK)“ zu nutzen, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein. Zur Qualitätssicherung riet er zudem, die Lieferung und Pflanzung der Bäume bei einem Auftragnehmer zu bündeln.

 

Vorbereitung für die
Baumpflanzung

Aus seiner jahrzehntelangen Praxis berichtete Gärtnermeister Hans-Helmut Pein zum Thema „Vorbereitung für die Baumpflanzung“. Zunächst betonte er die Wichtigkeit der Standortwahl. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen Stadtplanern, Straßenbauern und den Versorgungsunternehmen (Gas, Wasser, Strom usw.) bereits in der Planungsphase habe sich bewährt. Pein riet zu einer gemeinsamen Standorterkundung, zum Beispiel um die unterirdischen Ver- und Entsorgungseinrichtungen mit Blick auf einen ausreichenden Wurzelraum zu prüfen. Zudem könnten Bodenproben zeigen, ob der vorhandene Boden für die geplante Baumpflanzung überhaupt geeignet ist und welchen Nährstoffgehalt er aufweist. Von Bodensubstraten riet er zugunsten geeigneter anstehender Böden ab. Für die Größe der Baumgrube sei eine Oberfläche von mindestens 16 qm ideal, dazu Aufbau und Verfüllung gemäß FLL-Empfehlungen. Bei der Begrünung befestigter Flächen sollte man grundsätzlich auf eine hohe Qualität der Pflanzen achten, große Abstände zur Fahrbahn einhalten und viel Raum für die Wurzeln lassen, erklärte Pein. So sei selbst bei Umpflanzungen bis zu 99 Prozent
Erfolgsquote möglich.

 

Bäume für das Straßen-
begleitgrün: Die Produktion

Über moderne Produktionsverfahren für Straßenbäume berichtete Dirk Clasen, Inhaber der Baumschule Clasen und Experte für Containerbäume. Auch Clasen legte seinen Ausführungen die Richtlinien der FLL Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung und Landschaftsbau e.V. zugrunde, speziell die allgemein anerkannten Gütebestimmungen für Baumschulpflanzen. Als moderne und kostengünstige Anzuchtvariante empfahl er Containerbäume, weil sie durch die hundertprozentige Wurzelmasse ein besonders sicheres Anwachsen ermöglichen. Grundsätzlich werde für späteres Aufasten die durchgehende Stammverlängerung immer wichtiger, starke Seitenäste und eine sich schnell verjüngende Terminale seien tabu. Um durchgehende Spitzenqualität für Alleebäume sicherzustellen, empfahl Clasen den Verwendern, die Verfügbarkeit der Bäume bereits in der Planungsphase zu prüfen, die Bäume direkt in der Baumschule auszuwählen und den Vertrag erst nach Begutachtung der zu liefernden Pflanzen zu vergeben.

 

Qualitätssicherung bei der
Abnahme von Gehölzen

Aus ihrer Sicht als Sachverständige zeigten Dr. Wolfhardt Prieß und Dr. Frank Schoppa vom Bund deutscher Baumschulen (BdB) die Qualitätssicherung bei der Abnahme von Gehölzen auf. Sie legten die FLL-Gütebestimmungen für Baumschulpflanzen zugrunde und nannten vier zentrale Prüfkriterien aus ihrer Praxis: Bei der Abnahme sei erstens die Sortenechtheit (Art, Unterart, Sorte) festzustellen, zweitens die Qualitäten der Pflanzen (Verpflanzstatus, Habitus, Ballen, Wurzel). Dritter Aspekt sind die Größen (bei Topfware und Containern zusätzlich die Topfgröße), vierter Punkt die Gesundheit (Krankheiten, Schäden). Zu den typischen Problemkreisen gehören Zweifel an der Gehölzqualität oder ein mangelhaftes Pflanzenwachstum. Zur Klärung der Ursachen und Verantwortlichkeiten sollte man einen Gutachter hinzuzuziehen. Adressen von speziellen Gehölzabnahmeberatern finden sich auf der Internetseite der FLL. Schon bei der Ausschreibung bzw. Bestellung der Gehölze empfehlen Schoppa und Prieß den Hinweis, dass bei Anlieferung ein neutraler Sachverständiger hinzugezogen werden kann.

 

Pflanzenschnitt und
Unterhaltungspflege

Peter Uehre vom Gartenbauzentrum Münster-Wolbeck stellte sein Konzept für besonders langlebige Alleebäume vor. Ziel sei es, einen Stamm mit möglichst gleichmäßigem Durchmesser bis zum Endkronenansatz zu bekommen – und der liege bei mindestens 4 m. Die Vorteile: bessere Optik und Statik, stärkere Endkrone, weniger Schnittaufwand und Folgepflege sowie kleinere Wunden. Ideal sei ein vollholziger Stamm, der sich nach oben nur leicht verjüngt, so Uehre, der das „Wolbecker Schnittverfahren“ entwickelt hat. Die gewünschte Endstammhöhe hängt vom Verwendungszweck ab und muss frühzeitig festgelegt werden: für einen Alleebaum bei dichter Pflanzung 6 bis 10 m, bei weiter Pflanzung 4 bis 6 m. AlsMaßnahmen am Endstandort empfiehlt Uehre: innerhalb von 6 bis 8 Jahren zügiges Aufasten auf Endhöhe, pro Schnittmaßnahme 0,5 bis 0,7 m, dicke Äste und Zwiesel innerhalb der Krone entfernen. Das Verhältnis von Stamm zu Krone sollte in der Aufastungsphase 60 : 40 betragen. Mit diesem Schnittverfahren ließen sich mittel- und langfristig durch verminderten späteren Pflegeaufwand auch erhebliche Kostenvorteile erzielen.

 

Praktische Erfahrungen
aus dem Straßenbau

Über Planung, Pflanzung und Pflege von Straßenbäumen referierte Klaus Altmiks aus der Praxis des Landesbetriebs Straßenbau Nordrhein-Westfalen. Ausgehend von der 100-Alleen-Initiative des Landes NRW, wurden seit 2005 rund 10.000 Bäume auf 103 km Straße gepflanzt. Da die Hochstämme bei Lieferung oft nicht den ausgeschriebenen Qualitäten entsprachen, wurden Gutachter als „Ansprechpartner für Qualitätskontrolle“ beauftragt, deren Einsatz auch einen hohen Schulungseffekt bei den Mitarbeitern von Straßen.NRW bewirkt hat. Als weiteres Problem waren Pflegemängel zu lösen, zum Beispiel fehlendes Aufasten der Bäume. Es erfolgten Schulungen für Straßenwärter, zudem wurde das Gartenbauzentrum Münster-Wolbeck hinzugezogen. Altmiks Ziel: eine einfache, konsequente und nachvollziehbare Pflegemethode einzuführen. Eines der Pilotprojekte für die Jungbaumpflege ist die L 585 zwischen Münster-Wolbeck und Telgte. Die Ergebnisse der „Wolbecker Allee“ seien noch auszuwerten, auch künftig werde die Qualitätssicherung vom Landesbetrieb Straßenbau vorangetrieben. n

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