Erholung für die Bauunternehmen

Die überwiegende Mehrheit wirtschaftete recht gut in 2010

2010 war für die Baukonzerne und die großen Mittelständler ein gutes Jahr. Unsere Tabelle der 50 größten Baufirmen zeigt, dass mit Ausnahme des Fertighausbauers Bien-Zenker keine einzige Gesellschaft einen Verlust gemacht hat. Viele Firmen hatten bereits das Krisenjahr 2009 gut überstanden. Sehr bemerkenswert sind die hohen Margen, die Familienunternehmen erzielen. Sie widerlegen die These, dass im klassischen Bau kein Geld mehr zu verdienen sei.

Die Rahmenbedingungen waren in 2010 durchmischt. Einerseits stieg das Bruttoinlandsprodukt um beeindruckende 3,6 %, nachdem es im Rezessionsjahr 2009 um 5,1 % in den Keller gerauscht war. Andererseits konnte der Bau als Konjunkturnachzügler nicht so schnell folgen: auf einen Rückgang des baugewerblichen Umsatzes im Bauhauptgewerbe um 4 % in 2009 folgte ein nur noch geringes Minus von 0,3 %. Das Wetter schlug voll zu: im ersten Quartal 2010 und im Dezember standen die Baustellen quasi vier Monate still. Das konnten viele Firmen nicht mehr aufholen. Hingegen wird es in 2011 wieder ein Wachstum geben. Im Juni prognostizierte der Hauptverband der Bauindustrie ein Plus von 4,5 %. Vielleicht werden sogar die 6,1 % von 2008 erreicht: im ersten Halbjahr betrug das Wachstum nämlich 15,3 %. Die großen Bauunternehmen haben auf ihren Bilanz-Pressekonferenzen im Frühjahr für das laufende Jahr gleich gute oder bessere Ergebnisse angekündigt. Die Tatsache, dass der Wohnungsbau zurzeit die Wachstumslokomotive ist (Umsatz 1. Halbjahr: + 19,5 %), kommt vor allem dem Mittelstand und Bauhandwerk zugute. Die Großen der Branche profitieren vom anziehenden Wirtschaftsbau (+ 16 %). Ingenieurbau und Straßenbau hingegen leiden unter der abflauenden Aktivität im öffentlichen Bau, wo der Umsatz nur wegen des außergewöhnlichen guten ersten Quartals im ersten Semester um 10 % zulegte.

 

Miserable Internetauftritte

Wir haben die Liste der größten deutschen Bauunternehmen von 20 im letzten Jahr auf 50 ausgeweitet. Damit ist wohl die Mehrheit der Firmen mit einer Bauleistung von 100 Mio. Euro aufwärts erfasst. Komplett ist die Tabelle damit allerdings noch immer nicht. Leider versuchen viele Gesellschaften ihre Zahlen zu verbergen. Bei denjenigen, die die Daten von 2010 nicht herausrücken wollten, haben wir auf die Ergebnisse von 2009 zurückgegriffen, die im Bundesanzeiger publiziert werden müssen. Zwei Baufirmen nennen nur Zahlen für 2008: Josef Rädlinger aus Cham mit einer Leistung von 200 Mio. Euro und Wiebe aus Achim bei Bremen (210 Mio.).Wir haben sie nicht in die Liste aufgenommen. Manche meinen, so eine Tabelle aufzustellen, sei ganz leicht: in Nullkommanix könne man doch die Zahlen auf der Homepage der Firmen erfahren. Das Gegenteil ist meistens der Fall. Es gibt Unternehmen, die die Unverschämtheit besitzen, undatierte Circa-Zahlen zu Mitarbeitern und Leistung anzugeben, die oft völlig überholt und überhöht sind. Auch mithilfe des Bundesanzeigers kommt man nicht immer zum Ziel: die Töchter der ausländischen Baugruppen Eurovia (Vinci), BAM Deutschland und SKE (Vinci) informieren über das Geschäft, das Vorsteuerergebnis ist allerdings  nicht zu „knacken“. Außerdem gibt der Bundesanzeiger für eine Baugruppe oft 50 Untergesellschaften an und man hat seine Mühe, die Obergesellschaft, die die Konzernzahlen liefert, zu finden. Die Internetauftritte sind mittlerweile graphisch sehr ansprechend, sie sind aber vor allem das Werk der Marketingabteilung: Public Relations statt Information. Die meisten großen Mittelständler teilen die für die Tabelle relevanten Zahlen persönlich mit. Dies erfordert ein besonderes Vertrauensverhältnis. Es ist  auch gelungen, die fünf großen Unternehmen der Fertighausbranche aufzunehmen, Schwörer Haus, Deutsche Fertigbau Holding, Weber Haus, Bien-Zenker und Finger Haus.

 

Einige Verschiebungen unter den Top Ten

Verglichen mit 2009 hat sich unter den Top Ten einiges bewegt. Dadurch, dass wir Imtech hereingenommen haben, ist Eurovia von Platz 9 auf Platz 11 zurückgefallen. Köster behielt den zehnten Platz. Das Spezialtiefbau- und Maschinenbauunternehmen Bauer verzichtete zugunsten von Imtech auf den sechsten Platz. An der Spitze gab es keine Veränderung. Auch wenn Hochtief nunmehr vom Spanier ACS kontrolliert wird, der Konzern bleibt die unangefochtene Nummer Eins in Deutschland. Mit einer Leistung von 23,2 Mrd. Euro übertrifft er Bilfinger Berger fast um das Dreifache. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Mannheimer Gruppe ihre Leistung bewusst zurückgefahren hat, unter anderem durch den Verkauf ihrer Bauaktivitäten in Australien. Die Leistung von Züblin und Strabag ging teilweise wegen der schlechten Witterung zurück. Die Kölner Strabag AG, Tochter der Strabag SE in Wien, bleibt der größte deutsche Straßenbauer und die Stuttgarter Schwester Züblin ist weiter die Nummer Eins des Hoch- und Ingenieurbaus in Deutschland. Die detaillierten Ergebnisse der führenden Bauunternehmen haben wir bereits in Bilanzen Teil I (Heft 7-8) und Bilanzen Teil II (Heft 9) kommentiert.

 

Gute Gewinnsituation

Wenn Lohnverhandlungen mit der IG BAU anstehen, dann reden sich die Bauunternehmen klein und klagen über zu niedrige Margen. Tatsächlich ist der Konkurrenzdruck auf dem Baumarkt stark. Aber die Tabelle zeigt sehr anschaulich, dass nicht nur die Großen der Branche ihr Auskommen haben. Vor allem die familiengeführten Baugesellschaften mit einer Leistung zwischen 100 und 300 Mio. Euro erzielen zum Teil satte Renditen, die bis zu 10 % vor Steuern reichen. Ein Beispiel: Depenbrock aus Stemwede erzielte bei einer Leistung von 310 Mio. Euro in 2009 ein Ergebnis vor Steuern von 30,3 Mio. Aug. Prien aus Hamburg brachte es in 2009 bei einer Leistung von 244 Mio. auf ein Ergebnis von 19,3 Mio. ; dies entspricht einer Vorsteuerrendite von 8 %. Allgemein gilt in der Branche eine Marge von 4 % als gut; oft bleiben nur 1 %. Und dabei war 2009 ein Rezessionsjahr! Die Gründe, warum gerade Bau-Mittelständler so profitabel sind, sind vielfältig. Manche sind Nischenanbieter. Klassische Baufirmen profitieren vor allem von der regionalen Verankerung: in ihrer Umgebung sind sie der Platzhirsch. Die lokale Vernetzung und die langfristige Firmenpolitik spielen eine wichtige Rolle.

Die Konzerne schafften in 2010 hohe Gewinnansteigerungen: Hochtief verbesserte sich um 26 % vor Steuern, Bilfinger um 42 %, Züblin gar um 69 % und Strabag um 17 %. Nur Bauer gab um 2,5 % nach. Bien-Zenker, der als einziges Bauunternehmen der Tabelle in 2010 einen Verlust vor Steuern von 3,2 Mio. Euro einstecken musste (nach einem noch höheren Minus von 9 Mio. in 2009), hat sich zum Ziel gesetzt, 2011 nach erfolgreicher Restrukturierung aus den roten Zahlen zu kommen. Ihm wird dabei der Boom im Wohnungsbau, der auch dem Fertighausbau zugute kommt, helfen. Bauexperten werden bemerkt haben, dass die Tabelle sehr unterschiedliche Typen von Bauunternehmen vereinigt: Dienstleistungsfirmen wie Bilfinger Berger, Straßenbauer wie Strabag und Eurovia, Gleisbauer wie Spitzke, die bereits erwähnten Fertighausfirmen, usw. Der Bau ist eben nicht homogen. Das macht seinen Reiz aus.

 

Auch Mittelständler im Ausland aktiv

Das Ausland ist nicht nur eine Domäne der Konzerne. Zwar erbringen die Großen einen beträchtlichen Teil der Leistung außerhalb Deutschlands. So ist Hochtief mit einem Auslandsanteil von 92,3 % die internationalste Baugruppe der Welt. Bei Bilfinger Berger sank der Auslandsanteil wegen des Verkaufs des Australiengeschäfts von 68 % in 2009 auf 59 %. Bei Strabag erreicht er 54 %. Die Spezialisten Bauer und Kaefer Isoliertechnik überschreiten die Marke von 70 %. Max Bögl erreicht 30 %, Züblin 32 %. Die Nummer Eins im Innenausbau Lindner realisiert 33 % im Ausland. Erwähnenswert sind auch Goldbeck (18 %), Wolff & Müller (18 %), Heberger Bau und Spitzke, beide 25 %, Adolf Lupp (18 %), sowie Bien-Zenker (28 %) und Weber Haus (20 %). Etwa die Hälfte der Firmen im Klassement ist im Ausland nur geringfügig oder überhaupt nicht präsent.

 

Wenig Personalabbau

Bereits in 2009, dem Jahr der Baurezession, hatten die deutschen Bauunternehmen mehrheitlich auf signifikante Personalreduzierungen verzichtet. Es galt, die qualifizierte Stammbelegschaft in Zeiten des nachlassenden Nachwuchses zu halten. Die Exportindustrie, die viel stärker als die Bauwirtschaft unter der Rezession zu leiden hatte, hatte die Kurzarbeit ausgebaut und damit die Belegschaft gehalten. Natürlich war in 2010 das stagnierende Baugeschäft erst recht kein Entlassungsgrund. Im Gegenteil, die Firmen klagen eher über Ingenieurmangel und schlecht ausgebildete Azubis. Bei vielen Baugesellschaften stieg in 2010 die Mitarbeiterzahl gar an, so zum Beispiel bei Kaefer Isoliertechnik um 200 auf 17.200, bei Goldbeck um ca. 80 auf 2.462 und bei Weber Haus um 50 auf 850. Diese Aufwärtstendenz dürfte sich im laufenden Jahr fortsetzen.

Marcel Linden, Bonn

Beitrag inkl. Übersichtstabelle "Die größten deutschen Bauunternehmen in 2010" als PDF

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