Beton als CO2-Senke

Betonbauteile mit CO2-speichernden Bindemitteln

Bisher gilt: Ohne Zement kein Beton. Das Bindemittel hat jedoch einen hohen CO2-Fußabdruck. An einem klimaschonenden Material, das den Zement in Teilen ersetzen soll, arbeiten Forschende des KIT gemeinsam mit vier europäischen Partnern.

Forschende des KIT prüfen den klimafreundlichen Beton C-SINC hinsichtlich seiner Tragfähigkeit, Dauerhaftigkeit und Sicherheit
© Cynthia Ruf

Forschende des KIT prüfen den klimafreundlichen Beton C-SINC hinsichtlich seiner Tragfähigkeit, Dauerhaftigkeit und Sicherheit
© Cynthia Ruf
Beton gilt als klimaschädlicher Baustoff. Grund dafür ist vor allem der darin enthaltene Zement, der dafür sorgt, dass der Baustoff zusammenhält. Die Herstellung von Zementklinker, ein Ausgangsmaterial für Zement, verantwortet etwa acht Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes.

„Diese hohen Emissionen entstehen durch den Energieeinsatz bei der Produktion, aber vor allem auch durch die chemisch bedingte Entsäuerung von Kalkstein bei der Herstellung von Portlandzementklinker, dem am häufigsten verwendeten Bindemittel für Beton”, erklärt Professor Frank Dehn, Leiter des Instituts für Massivbau und Baustofftechnologie sowie der Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Karlsruhe am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Zwar gebe es Zementersatzstoffe, etwa Flugaschen aus der Kohleverstromung oder Hüttensand, also gemahlene Hochofenschlacke. Diese werden jedoch aufgrund des Kohleausstiegs und der industriellen Transformation der Stahlindustrie in absehbarer Zeit knapper. Die Entwicklung einer nachhaltigen Alternative solcher Zementersatzstoffe ist das Ziel des EU-geförderten Projekts C-SINC mit Forschenden aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Spanien. Die Arbeitsgruppe von Dehn testet die Praxistauglichkeit der damit herstellbaren neuen Betone.

CO2 bleibt dauerhaft gebunden

Im Fokus stehen magnesiumhaltige Silikate, die in einem gezielten, beschleunigten Mineralisierungsprozess mit CO2 zu Magnesiumcarbonat reagieren. Als sogenannter sekundärer zementärer Zusatzstoff soll dieses einen Teil des Klinkers ersetzen können. „Indem wir das dabei eingesetzte CO2 gezielt aus Industrieabgasen abscheiden, also der Atmosphäre entziehen, kann Beton künftig nicht nur emissionsärmer werden, sondern aktiv als CO2-Senke wirken“, sagt Dehn. „Das CO2 wird nicht einfach gespeichert, es wird chemisch in ein Mineral eingebaut. Es bleibt fest gebunden und kann so über sehr lange Zeiträume nicht wieder entweichen.“

Ziel ist eine zügige Anwendbarkeit

Koordiniert von einem Industriepartner, entwickeln die Forschungsteams nicht nur neue Materialien im Labor. Zentrales Ziel ist, dass der damit gebundene Beton zeitnah als tatsächlicher Baustoff anwendbar ist. Dabei spielt das KIT eine wichtige Rolle: „Wir untersuchen mithilfe von Strategien des Maschinellen Lernens und strukturmechanischer Modelle, wie sich das Bindemittel im Beton verhält, wie wir den Beton optimal zusammensetzen und wie er sich in der Praxis bewährt“, sagt Dehn. „Das machen wir in kleinem Maßstab, aber auch in realen, großen Bauteilen.“

Eine besondere Stärke ist dabei eine enge Verzahnung von Simulation, experimenteller Forschung und großmaßstäblichen realitätsnahen Prüfungen an der Materialprüfungsanstalt in Karlsruhe. „Wir können mit Simulationen und Maschinellem Lernen vorhersagen, welche Betonrezepturen funktionieren. Experimente setzen wir dann gezielt ein, um diese Prognosen zu überprüfen. So wollen wir belastbare Kennwerte erarbeiten, die zeigen, dass Beton mit dem neuen Bindemittel klimafreundlich ist und die Anforderungen an Tragfähigkeit, Dauerhaftigkeit und Sicherheit erfüllt“, so Dehn.

 

Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
www.kit.edu

Über C-SINC

Das Projekt fördert der Europäische Innovationsrat (EIC) innerhalb des Pathfinder-Programms „Towards cement and concrete as a carbon sink“. Die Fördersumme beträgt insgesamt rund vier Millionen Euro mit einer Laufzeit von vier Jahren. Davon entfallen rund eine Million Euro auf das KIT – dem einzigen deutschen Partner im Projektkonsortium und zugleich der einzigen deutschen Universität, die der EIC im obigen Pathfinder-Programm fördert. Partner sind neben dem KIT und der koordinierenden Paebbl AB (Schweden) die Technische Universiteit Delft (Niederlande), die Katholieke Universiteit Leuven (Belgien), die Agencia Estatal Consejo Superior de Investigaciones Científicas und Prefabricados Tecnyconta S.L. (beide Spanien) sowie unterstützend Holcim Technology Ltd. (Schweiz).

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