Aufstockung im Bestand

Kreislaufgerechter Holzbau auf Garagen in Karlsruhe-Rintheim

Das Karlsruher Wohnungsunternehmen Volkswohnung GmbH belegte beim Deutschen­ Baupreis 2026 mit ihrem Projekt „Garagenaufstockung Karlsruhe-Rintheim­“ den ersten Platz in der Sonderkategorie „Kreislauffähiges Bauen“.

Ziel des Projekts war es, Wohnraum dort zu schaffen, wo auf die Versiegelung neuer Flächen verzichtet werden kann
© Chiara Bellamoli

Ziel des Projekts war es, Wohnraum dort zu schaffen, wo auf die Versiegelung neuer Flächen verzichtet werden kann
© Chiara Bellamoli
Im Karlsruher Stadtteil Rintheim ist die Volkswohnung neue Wege zur sensiblen Innenentwicklung gegangen: Drei Garagenhöfe einer Nachkriegssiedlung wurden als Basis für Wohnungsbau genutzt. In vorgefertigter Holzbauweise entstanden darauf zwölf kompakte Mietwohnungen. Diese wurden kreislaufgerecht konstruiert, sind weitgehend zerstörungsfrei demontierbar und damit versetzbar. Die vorgefertigte Holzbauweise überzeugt mit einer kurzen Bauzeit und denkt mit Sortenreinheit, dem Einsatz von Rezyklaten und der Verwendung gebrauchter Bauteile drei Aspekte der Kreislaufwirtschaft mit. Die Aufstockungen dienen auch als gezielte Aufwertung der Nachkriegssiedlung; die Architektursprache gibt einen neuen gestalterischen Impuls. Zusätzlich wurde die Quartiersinfrastruktur mit Müllräumen, Fahrradhäusern und einem Waschsalon aufgewertet.

Verdichtungspotenzial im Quartier

© Chiara Bellamoli

© Chiara Bellamoli
Das Rintheimer Feld ist eine typische Wohnsiedlung der 1950er-Jahre. Die Volkswohnung hatte das Quartier über Jahre behutsam nachverdichtet, die gängigen Verdichtungsvarianten waren jedoch erschöpft. Die Grundlage für die Bebauung der Garagenzüge aus den 1960er-Jahren lieferte der Architekt Falk Schneemann, der bereits 2017 einen Ideenwettbewerb mit einer Studie zur Garagenaufstockung gewann. Sein Leitgedanke: Wohnraum dort schaffen, wo auf die Versiegelung neuer Flächen verzichtet werden kann. Die Volkswohnung griff den Ansatz auf und setzte ihn gemeinsam mit Schneemann im eigenen Bestand um.

Umgesetzt wurde das Vorhaben mit Förderung des baden-württembergischen Programms „Innovativ Wohnen Baden-Württemberg – beispielgebende Projekte“ (Landesförderung von rund 700.000 Euro).

Design for Disassembly

Kreislaufgerechtigkeit wurde von Anfang an mitgeplant. Der vorgefertigte Holzbau besteht aus 2D-Elementen für Boden, Wand und Dach – werkseitig ausgestattet mit Fenstern, Sonnenschutz und Installationsebenen. Das verkürzt die Bauzeit und minimiert Eingriffe im Quartier. Für die Kreislauffähigkeit entscheidend waren die Fügungen: monomaterial ausgeführte, CNC-gefräste Schwalbenschwanzverbindungen und geschraubte Anschlüsse ermöglichten eine weitgehend zerstörungsfreie Demontage.

Zielgruppe des Wohnraums sind Menschen in Übergangsphasen
© Chiara Bellamoli

Zielgruppe des Wohnraums sind Menschen in Übergangsphasen
© Chiara Bellamoli

Ein typisches Kreislaufdilemma lösen die Nassräume: Statt kleberintensiver Aufbauten kamen aus GFK-Flachelementen verschraubte Bäder mit Trockendichtungen zum Einsatz. Diese sind vollständig vorgefertigt, per Kran eingesetzt, bei Bedarf zerleg- und im Werk mehrfach aufbereitbar. Steckbare Elektroverbindungen und ein batterieloses Funksystem reduzieren den Leitungsaufwand und unterstützen die Versetzbarkeit.

Der Bestand als Basis

Ein lastverteilender Stahlrost lagert die Holzkonstruktion horizontal auf den Bestandsdächern. Neue Stahlstützen mit Punkt-Fundamenten entlasten die vorhandenen Stahlbetonbalken, während Mauerwerkswände und Streifenfundamente die Zusatzlasten aufnehmen. Die Dachkonstruktion wirkt als Flächentragwerk; Horizontallasten werden über Bodenelemente und Bestandsdächer in neu errichtete, massive Müllräume abgeleitet.

Die technische Gebäudeausrüstung nutzt die vorhandene Infrastruktur: Wärme, Wasser, Strom und Telekommunikation binden als Satelliten des Bestands an die Hausanschlussräume der Nachbargebäude an. Energetisch erreicht das Projekt KfW-55-Standard. Eine feuchtegeführte Lüftung unterstützt den Betrieb.

Türen, Dielen und Briefkästen mit zweitem Leben

Aus einem zurückgebauten Wohnhaus der 1930er-Jahre aus dem eigenen Bestand der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft wurden Bauteile geborgen und wiederverwendet: Holzdielen, Zimmertüren und Briefkästen. Ein Bodenleger baute die alten Dielen aus, arbeitete sie auf und verlegte sie – abgeschliffen und geölt – auf wiederverwendbarem Trockenestrich mit Fußbodenheizung. Unterm Strich war die Weiterverwendung rund zehn Prozent günstiger als Neuware. Auch die ausgebauten Kassettentüren wurden ausgebessert und neu lackiert eingebaut.

Die Garagenaufstockungen dienen als gezielte Aufwertung der Nachkriegssiedlung
© Chiara Bellamoli

Die Garagenaufstockungen dienen als gezielte Aufwertung der Nachkriegssiedlung
© Chiara Bellamoli

Ökobilanz

Eine Lebenszyklusanalyse (eLCA/ÖKOBAUDAT, 50 Jahre, NGF 762 m²) belegt die Klimaleistung: ein GWP von 16,6 kg CO2 /m²a und ein PENRT von 226,5 MJ/m²a – Werte im Bereich QNG premium. In der Herstellungsphase (A1–A3) ergibt sich durch die CO2-Bindung im Holz sogar eine negative GWP-Bilanz.

Mehrwert fürs Quartier

Der Nutzen reicht über die geschaffene Wohnfläche hinaus. Der hohe Vorfertigungsgrad hielt Bauzeit und Lärm gering, der Garagenbetrieb lief außerhalb der Montage weiter. Außentreppen und wettergeschützte Laubengänge schaffen halböffentliche Übergangszonen und fördern nachbarschaftliche Begegnung. Die ergänzenden Quartiersbausteine (überdachte Fahrradhäuser, neue Müllräume und ein Waschsalon) stehen allen im Quartier offen und steigern die Akzeptanz.

Weil der Zugang zum neuen Wohnraum auf den Garagen baulich nicht barrierefrei angeboten werden kann, wurde bewusst eine Zielgruppe in Übergangsphasen gewählt: Studierende, Auszubildende und junge Paare.

Abhängig von der weiteren Entwicklung des gesamten Wohngebiets können die verbauten Boden-, Wand- und Dachelemente demontiert und in einem anderen Kontext erneut eingesetzt wer­den. Dies schafft einen zusätzlichen ökonomischen und ökologischen Vorteil gegenüber dem Abriss.

Grenzen und Übertragbarkeit

Der kritische Faktor in der Skalierung ist die Genehmigungsfähigkeit: Die Aufstockung von Garagen ist eine Nutzungsänderung, die in den Bebauungsplänen ihrer Entstehungszeit nicht vorgesehen war; hinzu kommen Grenzabstände, Abstandsflächen und – wegen der Nähe zu Bestandsgebäuden – hohe Brandschutzauflagen. In Rintheim halfen die knappen Spielräume eines Bebauungsplans von 1958.

Auch die Tragfähigkeit begrenzt die Auswahl: Geeignet sind vor allem Garagenzüge der 1960er-/70er-Jahre. Ältere Garagenhöfe sind meist zu sanierungsbedürftig, jüngere oft zu leicht für ein weiteres Geschoss.

Volkswohnung GmbH
www.volkswohnung.de

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