„Wir wollen, dass abends alle gesund nach Hause kommen“
Sicherheit darf kein Zufall seinDie THIS sprach mit Prof. Dr.-Ing. Marco Einhaus, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Prävention der BG Bau (kommissarisch), über Gesundheitsschutz, Arbeitssicherheit, und seine Aufgabe als Jury-Mitglied des Deutschen Baupreises.
Prof. Dr.-Ing. Marco Einhaus ist stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Prävention der BG Bau (kommissarisch)
© Anna Dörscheln, Bauverlag
THIS: Die BG BAU unterstützt den Deutschen Baupreis so aktiv wie nie zuvor. Warum?
Marco Einhaus: Von Seiten der BG Bau, hier ganz besonders von Seiten der Abteilung „Prävention“, sind wir natürlich sehr stark daran interessiert, Themen wie Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit zu fördern. Dass der Deutsche Baupreis in Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal diesem wichtigen Thema eine eigene Kategorie widmet, finden wir gut. Es zeigt, dass moderne und leistungsfähige Bauunternehmen, die ja über den Deutschen Baupreis ausgezeichnet werden, viel Wert auf die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden legen, nicht nur auf Produktivität und Termine.
THIS: Was verbindet die BG Bau mit dem Deutschen Baupreis ganz konkret?
Marco Einhaus: Der Deutsche Baupreis zeichnet nicht nur besonders gute Bauunternehmen aus, sondern macht auch gute Lösungen sichtbar. Und er würdigt Unternehmen, die Verantwortung übernehmen. Wenn Betriebe zeigen, wie sie Sicherheit praktisch umsetzen, profitieren andere davon. Für uns ist das ein Hebel: Wir können erfolgreiche Ansätze in die Breite tragen. Und wir können zeigen, dass Arbeitsschutz nicht „lästig“ ist, sondern ein Qualitätsmerkmal.
THIS: Sie sitzen als stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Prävention in der Jury. Worauf werden Sie besonders achten?
Marco Einhaus: Wichtig sind uns Innovationen im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Wir achten vor allem auf Ideen, die Betriebe selbst entwickeln. Das Ziel ist: sicherer arbeiten – auf Baustellen und in baunahen Dienstleistungen. Am Ende soll die Anzahl der Unfälle und auch gesundheitsschädliche Belastungen, etwa bei ergonomisch schwierigen Tätigkeiten oder bei Risiken in Richtung Berufskrankheiten, sinken.
THIS: Was muss eine Lösung erfüllen, damit sie Sie überzeugt?
Marco Einhaus: Sie muss im Alltag funktionieren – also nicht nur gut klingen, sondern wirklich praktikabel sein. Wichtig ist auch: Die Lösung muss zu den Bedingungen auf Baustellen passen, und sie soll Beschäftigte entlasten. Das kann technisch passieren, organisatorisch oder über klare Regeln im Ablauf. Entscheidend ist: Die Idee muss das Arbeiten nachweislich sicherer machen.
THIS: Was macht das Thema Sicherheit in der Bauwirtschaft so herausfordernd?
Marco Einhaus: Viele Menschen arbeiten draußen und sind der Witterung ausgesetzt. Dazu kommen „Heavy-Worker“-Themen: harte körperliche Arbeit, oft unter schwierigen Bedingungen. Genau dort entstehen Belastungen und Risiken, die wir vermeiden oder verringern wollen. Alle Maßnahmen, die helfen, sichere Baustellenbedingungen zu schaffen, wollen wir stärken. Und alle Ideen, die schwere körperliche Arbeit reduzieren oder besser absichern, sind besonders wertvoll.
THIS: Wo sehen Sie aktuell den größten Hebel für Verbesserungen?
Marco Einhaus: In einer Kombination aus Technik und guter Organisation. Technik kann Risiken direkt verringern. Organisation sorgt dafür, dass Sicherheit nicht vom Zufall abhängt. Und wenn beides zusammenkommt, entsteht ein neuer Standard. Dann wird sicheres Arbeiten nicht „zusätzlich“, sondern automatisch Teil des Arbeitsprozesses.
THIS: Die BG Bau wird manchmal als „Verhinderer“ wahrgenommen. Wie gehen Sie damit um?
Marco Einhaus: Solche Gefühle muss man ernst nehmen. Wir haben einen beratenden Auftrag und einen überwachenden Auftrag. Der überwachende Teil kann hart sein, im Extremfall zu Bußgeldern führen. Der Beratungsteil wird dagegen oft übersehen. Und genau da setzen wir an: Wir wollen sichtbarer machen, dass wir helfen – und zwar frühzeitig.
THIS: Was bedeutet „Beratung“ bei Ihnen konkret?
Marco Einhaus: Wir beraten möglichst vor Ort und möglichst früh, also möglichst, bevor es gefährlich wird. Unsere Kolleginnen und Kollegen im Außendienst unterstützen Betriebe dabei, Risiken zu erkennen und zu entschärfen, damit es gar nicht erst zu gefährlichen Situationen kommt. Wir wollen vermeiden, dass Menschen abstürzen, schwere Verletzungen erleiden, oder dass es zu Wegeunfällen kommt – etwa durch Überfahren oder Anfahren. Prävention heißt: rechtzeitig gute Lösungen finden.
THIS: Was hat sich in Ihrer Präventionsarbeit in den letzten Jahren verändert?
Marco Einhaus: Die Beratung wurde und wird stärker intensiviert. Wir wollen näher an den Betrieben sein. Und wir wollen partnerschaftlicher auftreten. Gleichzeitig bleibt klar: Wenn Regeln missachtet werden, müssen wir auch durchgreifen. Aber der Schwerpunkt ist: unterstützen, erklären, Lösungen anbieten. Auch deswegen passt der Deutsche Baupreis gut zu unserer Arbeit.
THIS: Wo ist der Auftrag der BG Bau gesetzlich verankert?
Marco Einhaus: Beraten und überwachen ist unser gesetzlicher Auftrag. Das steht im Sozialgesetzbuch, bzw. präzise im SGB VII. Und genau das macht Prävention aus: Wir kombinieren Unterstützung und Kontrolle. Nur so können wir die Sicherheit langfristig verbessern.
THIS: Lässt sich die Wirkung Ihrer Präventionsarbeit messen?
Marco Einhaus: Ja. Es gibt jedes Jahr eine Jahresstatistik. Dort wird unter anderem mit der sogenannten Tausend-Personen-Quote gearbeitet. Inzwischen liegen wir bei der Gesamtzahl der Unfälle endlich deutlich unter 100.000. Diese Marke konnten wir lange Jahre nicht unterschreiten. Das ist ein wichtiger Schritt. Und das stützt unsere Präventionsarbeit.
THIS: Wie sieht es bei schweren Unfällen aus?
Marco Einhaus: Schwere und sehr gefährliche Unfälle sind weiterhin ein Thema. Leider auch Unfälle mit tödlichem Ausgang. In der Bauwirtschaft und in baunahen Dienstleistungen liegen wir in den letzten Jahren bei rund 80 Fällen pro Jahr. Die meisten dieser Unfälle wären vermeidbar gewesen; das ist schlimm. Genau deshalb brauchen wir weitere Innovationen. Sie sollen zeigen, dass sich sicheres Arbeiten immer lohnt. Wir müssen die Unfallzahlen in den Gewerken weiter reduzieren.
THIS: Welche Rolle spielen neue Ideen und Kreativität dabei?
Marco Einhaus: Eine große. Gute Prävention lebt davon, dass Betriebe Lösungen entwickeln, die zu ihrem Alltag passen. Diese Kreativität sehen wir auch im Austausch mit der Branche. Sie hilft uns, unsere Beratung weiterzuentwickeln. Und sie hilft der Bauwirtschaft, Sicherheit nicht als Bremse zu sehen, sondern als Teil guter Arbeit.
THIS: Gibt es Unterschiede zwischen kleinen und großen Unternehmen beim Thema Sicherheit?
Marco Einhaus: Ja, die Strukturen unterscheiden sich deutlich. Rund 85 Prozent der bei uns versicherten Betriebe sind Kleinst- und Mittelbetriebe. In Kleinstbetrieben arbeitet die verantwortliche Person oft selbst mit, häufig auch der Chef. Das bringt Aufgabenstellungen mit sich, die in Großbetrieben so nicht vorkommen.
THIS: Wo liegt aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung?
Marco Einhaus: Die liegt in kleinen und Kleinstunternehmen, zum Beispiel unter 10 Beschäftigten. Dort sehen wir oft ein erhöhtes Unfallaufkommen. Viele Großbetriebe haben Sicherheitsabteilungen und starke Strukturen. Kleine Betriebe brauchen Lösungen, die praktisch umsetzbar sind. Und sie brauchen Beratung, die partnerschaftlich „auf Augenhöhe“ ankommt. Innovationen aus dem Deutschen Baupreis können dabei helfen, weil sie gute Praxis sichtbar machen.
THIS: Was wäre Ihre wichtigste Empfehlung an ein kleines Unternehmen?
Marco Einhaus: Prävention beginnt vor der Arbeit. Also: vorher klären, was die Aufgabe ist. Die Baustelle möglichst vorher ansehen. Wissen, was einen erwartet. Dann die richtigen Maßnahmen auswählen und einsetzen. Eine Gefährdungsbeurteilung erstellen. Und mit sauberem Risikomanagement dafür sorgen, dass Mitarbeitende sicher arbeiten – und sicher nach Hause kommen.
THIS: Was heißt das im Alltag, Schritt für Schritt?
Marco Einhaus: Erst die Arbeitsaufgabe sauber definieren. Dann die Gefahren erkennen. Danach konkrete Maßnahmen und Verantwortlichkeiten festlegen. Und schließlich: Mitarbeitende unterweisen und Schutzmaßnahmen konsequent nutzen. Wenn das zur Routine wird, sinkt das Risiko. So wird Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zum Teil der Kultur, nicht nur ein „Zusatzpunkt“.
THIS: Viele Kleinstbetriebe tun sich mit der Gefährdungsbeurteilung schwer. Wo gibt es Unterstützung?
Marco Einhaus: Über sicherheitstechnische Dienste. Wir können über eine Tochter, die BFGA, Unterstützung anbieten. Dort arbeiten viele Sicherheitsfachkräfte. Diese können bei der Gefährdungsbeurteilung als Dienstleistung helfen.
THIS: Bleibt die Gefährdungsbeurteilung trotzdem Unternehmerpflicht?
Marco Einhaus: Ja. Unternehmerinnen und Unternehmer müssen die Arbeitsbedingungen kennen. Gerade in Kleinstbetrieben wissen sie meist sehr genau, wie gearbeitet wird. Aber: Sie können und sollen sich dabei unterstützen lassen. Wir beraten gerne. Und wir stellen Materialien bereit, damit es einfacher wird, die Maßnahmen korrekt und praxisnah umzusetzen.
THIS: Welche Materialien meinen Sie konkret?
In der „Bausteine“-App der BG Bau findet man zu Arbeitsvorgängen eine sicherheitstechnische „Vermutungswirkung“
© Felix Zahn - Photothek; BG Bau
Marco Einhaus: Unser Premium-Produkt sind die „Bausteine“, digital aufgelegt. Es gibt eine App. Darin findet man zu Arbeitsvorgängen eine sicherheitstechnische „Vermutungswirkung“. Wer so arbeitet, wie es dort beschrieben ist, ist auf der sicheren Seite. Das hilft auch, die eigene Gefährdungsbeurteilung abzusichern und typische Fehler zu vermeiden. In der App stecken 400 Bausteine zu vielen Arbeitssituationen. Zum Beispiel Gerüste, Absturzsicherheit, Gefahrstoffe, Asbest und vieles mehr. Dazu gibt es Material für Gefährdungsbeurteilungen und Unterweisungen – alles verständlich zusammengefasst in der kostenlosen Bausteine-App. Das ist bewusst niedrigschwellig angelegt. Man kann direkt nachschlagen und es in den eigenen Alltag übernehmen.
THIS: Ist die Unterstützung kostenpflichtig?
In der App stecken 400 Bausteine zu vielen Arbeitssituationen, etwa Absturzsicherheit, Gefahrstoffe und vieles mehr
© BG BAU
Marco Einhaus: Teilweise. Die App selbst ist kostenlos. Es gibt aber Leistungen, die wir im Rahmen von Modellen wie dem Unternehmermodell automatisch anbieten, inklusive Schulungen. Wenn man sich nicht im Unternehmermodell befindet und sich betreuen lässt, ist ein Teil geringfügig kostenpflichtig.
THIS: Zum Schluss: Was wäre aus Ihrer Sicht ein idealer Baupreis-Gewinner in der Kategorie Arbeitssicherheit?
Marco Einhaus: Ich hoffe auf Preisträger, die Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz großschreiben. Und wir würden uns freuen, wenn ein Preisträger uns als BG Bau unterstützt, etwa durch gute Lösungen. Denn daraus können wir neue Strukturen, Arbeitsprozesse und sicherere Maßnahmen ableiten. Bewertet wird auch nach dem TOP-Prinzip: technisch, organisatorisch, persönlich. Eine technische Lösung erzeugt oft besonders viel Aufmerksamkeit. Es kann aber genauso ein Betrieb gewinnen, der eine starke organisatorische Idee umgesetzt hat. Oder auch etwas, das zeigt: Sicherheit ist machbar – auch unter schwierigen Bedingungen. Wenn das gelingt, hat der Deutsche Baupreis seinen größten Nutzen.
BG Bau
www.bgbau.de
