Kanalsanierung „im Zeichen des Adlers“

9. Deutscher Schlauchlinertag 2011 im Bonner World Conference Center

Selten zuvor hat eine Veranstaltung zur Kanalsanierung in derart zeitgeschichtlichem Umfeld stattgefunden wie der 9. Deutsche Schlauchlinertag am 05. April 2011. Rund 650 Teilnehmer und 45 Aussteller aus der Sanierungsbranche fanden sich auf Einladung der Technischen Akademie Hannover im World Conference Center, dem ehemaligen Deutschen Parlament in den Bonner Rheinauen ein. In zwölf unter dem riesigen Bundesadler gehaltenen Vorträgen informierten sie sich umfassend über den Stand der Entwicklung der Schlauchlining-Technologie.

Im futuristischen Foyer rund um den Plenarsaal konnten alle Interessenten in den Vortragspausen Fachgespräche mit Schlauchlining-Praktikern führen. Die Referenten waren sich mehrheitlich einig und folgten darin der Ansicht des Mitbegründers des Schlauchlinertages, Dipl.-Ing. Franz Hoppe, Hamburg: Die Schlauchlining-Technologie ist den Kinderschuhen (und auch den Kinderkrankheiten) längst entwachsen und inzwischen eine vollwertige Alternative zur Kanalsanierung durch offene Erneuerung. Eigentlich spräche, so Franz Hoppe, nichts mehr gegen einen technischen Abschreibungszeitraum wie beim offenen Neubau. Den ersten eingebauten Schlauchlinern könne man  nach heutiger Erkenntnis die Qualitäten des klassischen VW Käfers attestieren: Er hält und hält und hält…

Weiterhin hoher Investitionsbedarf

Wo die Kanalsanierung im allgemeinen und die grabenlose Sanierung, speziell die durch Schlauchlining, heute steht, verdeutlichte Dipl.-Ing. Otto Schaaf, AöR Stadtentwässerungsbetriebe Köln, der in Bonn die Ergebnisse der aktuellen 6. DWA-Umfrage zum Zustand der deutschen Kanalisationen präsentierte und interpretierte.

Fast 541 000 km lang ist inzwischen das Netz öffentlicher Abwasserleitungen in Deutschland und im Durchschnitt 41 Jahre alt. Beim Blick auf die Zustandserfassung stellte Schaaf fest, dass rund ein Fünftel der öffentlichen Kanäle nach wie vor Schäden aufweisen und konstatierte, „dass im Bereich der Kanalsanierung in Deutschland zwar erhebliche Investitionen getätigt werden, der Gesamtzustand der Netze aber bisher nicht verbessert werden konnte.“ Wobei „bisher“ bedeutet: In den letzten 30 Jahren. Es wird also viel Geld ausgegeben, aber eben nicht genug. Welche Herausforderung dies für die Kommunen ist, illustrierte Schaaf am Beispiel Kölns. Hier lagen 8,7 km echte Sofortmaßnahmen von akuter Dringlichkeit an. 250 km Kanäle weisen allein in ausgewiesenen Wasserschutzzonen Schäden auf, die sie zum Sanierungsfall bis 2015 machen.

Außerhalb der Wasserschutzzonen sind in den kommenden Jahren noch einmal 206 km Kanäle zu sanieren. Langfristig müssen 233 km Schäden geringerer Priorität saniert werden. Alles in allem wird Köln dafür in den kommenden Jahren rund 180 Millionen Euro investieren müssen.

Wirtschaftliche Sanierungsstrategien

Bei der Ausarbeitung von Sanierungsstrategien spielen wirtschaftliche Aspekte naturgemäß eine entscheidende Rolle. Was „wirtschaftlich“ konkret heißt – dazu gibt es durchaus völlig unterschiedliche Betrachtungsansätze. Dipl.-Ing. Uwe Winkler von den Kommunalen Wasserwerken Leipzig demonstrierte in Bonn anhand von modellhaften Vergleichsrechnungen, wie sich unterschiedliche Herangehensweisen auf Sanierungsstrategien auswirken – und umgekehrt unterschiedliche Sanierungsstrategien auf die kommunale Finanzsituation. Grundsätzlich zu unterscheiden sind Vorgehensweisen auf der Grundlage einer „dynamischen Kostenvergleichsrechnung“ von solchen, die auf einer „Zustandsstrategie mit konstantem Budget“ basieren. Die dynamische Kostenvergleichsrechnung führt zur Favorisierung kostengünstiger Lösungen, die zudem zu einem möglichst frühen Zeitpunkt realisiert werden, spricht also für einen massiven Einsatz von Reparaturverfahren. Der Budgetansatz dagegen verspricht Vorteile, wenn (gegenüber dem Neubau) günstige Schlauchliner eingesetzt werden. Hier lässt sich der jährliche Sanierungsumfang gegenüber Reparaturlösungen bei gleichem Etat deutlich steigern. Eine in jedem Fall entscheidende Größe ist die Festlegung von Nutzungsdauern für unterschiedliche Sanierungslösungen. Winkler: „Mit der Festlegung von Nutzungsdauern durch die Betreiber ist daher indirekt auch die Vorgabe einer Sanierungsphilosophie verbunden, z.B. der Umfang der Sanierung mit Schlauchlinern.“

Schlauchliner im Anschlusskanal und in der Grundleitung

Ganz so strategisch-kompliziert geht es in einem anderen Bereich nicht zu, der zu den großen Hoffnungsträgern der Schlauchliner-Branche gehört: Der Grundstücksentwässerung. Neuerlich zeigt eine Zahl aus Köln, worum es da geht: von 130 000 privaten Grundstücken liegen 50 000 in Wasserschutzzonen – bei einer Schadenrate, die nach bisherigen Erfahrungen in Köln bei 90 % liegt. Ähnliche Relationen in Solingen, dessen Strategie im Umgang mit der Dichtheitsprüfung privater Leitungen Dipl.-Ing. Manfred Müller (Technische Betriebe Solingen) vorstellte. Bei der Hälfte der 30 000 Solinger Immobilien stammen die Entwässerungsleitungen aus der Zeit vor 1970, in der die Wahrscheinlichkeit undichter Rohrverbindungen durchaus erheblich ist.

Müller errechnete daraus –bei einem Sanierungs-Meterpreis von 220 €- ein Investitionsvolumen von rund 56 Mio. Euro für Solingen. Ein Hauptaugenmerk der Aktivitäten auf dem Grundstück liegt angesichts dieser Größenordnungen darauf, bedingungslos eine hohe Qualität der erbrachten Sanierungsleitungen sicher zu stellen. Dies ist –nach anfangs eher ernüchternden Ergebnissen bei der Qualitätskontrolle von Schlauchlinern in Anschlusskanal und Grundleitungen- inzwischen gelungen. Müller verwies allerdings darauf, dass Voraussetzungen für Qualität auf dem Grundstück ein durchaus erhebliches personelles Engagement der Kommune und eine übergreifende Kooperation seien: „Nur, wenn sich alle am Markt der Sanierung Beteiligten zu einem landes- besser noch bundesweiten „Bündnis für Kompetenz und Qualität“ nachhaltig zusammenschließen, kann der Unseriosität dauerhaft der Boden entzogen werden.

Wärmerückgewinnung aus Abwasser

Für manchen überraschend: Der Schlauchliner kann nicht nur Abwasser ableiten, sondern ist durchaus ein Multitalent, wie Dipl.-Ing. Joachim Schulte, Stadtwerke Schwerte GmbH, zeigte. Er thematisierte einerseits die keineswegs völlig neue Rolle des Abwasserkanals als „Leerrohr“ für Glasfaser-Datenleitungen und präsentierte noch einmal den status quo in dieser Frage. Sehr viel Bewegung ist derzeit in einer anderen technologischen Sonderentwicklung, nämlich der Wärmerückgewinnung aus Abwasser – und auch hier spielt Schlauchliner-Technik ihre innovative Rolle. Schulte stellte ein Pilotprojekt in Hamburg vor, bei dem eine Wärmetauschermatte in Verbindung mit einem Glasfaser-Schlauchliner in einen Abwasserkanal DN 400 eingebaut wurde (Heatliner-System, Brandenburger). Die 29 m lange Teststrecke liefert eine Wärmeleistung von 4,4 kW bzw. täglich eine Wärmemenge von 100 kWh – genug um ein Mehrfamilienhaus mit 6 Wohnungen von je 70 m² Fläche zu beheizen. Der Schlauchliner habe, so Schulte, damit beweisen, dass er nicht nur ein qualitätsgesichertes Standardprodukt sei, sondern ein über die Kanalsanierung hinaus gehendes Potential besitze.

Technologie mit hohem Innovationspotential

Das Potential des Schlauchliners in seinem eigentlichen „Kerngeschäft“, der grabenlosen Sanierung von Abwasserkanälen, ist auf inzwischen 1200 Kilometer jährlicher Einbauleistung (2010) bundesweit gestiegen, wie Prof. Dr.-Ing. Volker Wagner (Univ. Neubrandenburg) ausführte. Relining-Verfahren machten 2010 rund 18 % des gesamten Sanierungsvolumens aus. Wagner verdeutlichte mit einem historischen Rückblick auf die Entwicklung dieser Technologie, dass diese positive Entwicklung entscheidend mit dem Innovationspotential zu tun hat, dass der Schlauchliner bis zum heutigen Tage immer wieder unter Beweis stellt.

Neben weiteren wichtigen Themen wie der auf jedem Schlauchlinertag aufs Neue diskutierten Frage der statischen Bemessung von Schlauchlinern, wurden im alten Bonner Parlament auch spezielle Aspekte beleuchtet – etwa die Frage wie die Schlauchliner-Sanierung durch Einbindung von Nebengewerken zu einem wirklich ganzheitlichen Projekt wird. Und nicht zuletzt wurde die Leistungsstärke dieser Sanierungstechnologie durch praktische Anwendungsbeispiele in anspruchsvollen Einsatzfällen eindrucksvoll illustriert.

Jubiläumsveranstaltung in Berlin

Besonders eindrucksvoll stellte sich 2011 die im Foyer des ehemaligen Plenarsaales platzierte Begleitausstellung zur Konferenz dar. Die architektonisch beeindruckende Räumlichkeit war bis zum Anschlag mit Ausstellern und Standbesuchern gefüllt und bot eine Kontaktintensität, die kaum etwas zu wünschen übrig ließ. Als Standort für den Jubiläums-Schlauchlinertag 2012 gab TAH-Vorstand Dr. Igor Borovsky übrigens die Bundeshauptstadt Berlin bekannt, wenngleich hier der Parlamentssaal nicht zur Verfügung stehen wird.n

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