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| Navigation | 20.11.2018

Hat die klassische Bauabrechnung eine Zukunft?

Mit BIM ist die exakte Mengenermittlung möglich

Die Digitalisierung verändert die Gesellschaft. Auch alle am Bau Beteiligten müssen sich auf Veränderungen einstellen. Das Schlagwort ist Building Information Modeling (BIM). Diese Arbeit beeinflusst auch die klassische Bauabrechnung.

  • Quellen: Isl-Kocher

  • Quelle: Isl-Kocher

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  • Quelle: Isl-Kocher

Im Moment hört man oft die Meinung unter Bauexperten, dass mit der durchgängigen Realisierung von BIM die klassische Bauabrechnung überflüssig sei. Auf den ersten Blick leuchtet das ein: Denn gibt es zum Zeitpunkt der Ausschreibung ein ausführungsreifes Modell, können die Mengen dieses Modells Vertragsgrundlage werden und die Baupartner könnten sich auf einen Festpreis einigen. Im Sinne einer Funktionalausschreibung wird die Bauaufgabe durch das Modell sehr gut beschrieben.

Die Mengenermittlung auf Seiten des Auftragnehmers zum Zeitpunkt der Kalkulation muss in einem solchen Fall allerdings sehr viel genauer durchgeführt werden, als bei einer Leistungsbeschreibung mit Leistungsverzeichnis, bei der am Ende nach den Ist-Mengen abgerechnet wird. Mit Hilfe eines Modells ist eine solche exakte Mengenermittlung zur Kalkulation in der Tat sehr viel einfacher als mit Plänen.

Liegen Pläne vor, ist danach abzurechnen

Grundsätzlich sind diese Bestrebungen aus meiner Sicht zu unterstützen, da das „klassische“ Aufmaß auf der Baustelle ein wirtschaftlicher Unsinn ist. Im Grunde liegt die Geometrie durch die Planung fest, trotzdem wird vor Ort noch einmal alles nachgemessen, obwohl in der VOB Teil C, Abschnitt 5 der sinngemäße Satz zu finden ist „Liegen Pläne vor, ist danach abzurechnen“.

Der Grund für die bisherige, von dieser Regel abweichende Arbeitsweise ist jedoch klar: Früher waren die Planungen weniger ausführungsreif als heute mit 3D-Modellen. Änderungen gegenüber der Planung waren nur durch ein örtliches Aufmaß zu erfassen. Zudem war das Abrechnen auf Basis von Papierplänen nicht unbedingt einfacher als ein örtliches Aufmaß als Abrechnungsgrundlage. Grundvoraussetzung für eine neue Arbeitsweise ohne Bauabrechnung nach dem Ist-Zustand ist jedoch ein wirklich 100 Prozent exaktes Modell, anderenfalls wird es immer Nachträge und Streitfälle geben.

Ist die Arbeit mit Modellen immer sinnvoll?

Aus den oben genannten Überlegungen ergibt sich die Frage: Ist es überhaupt möglich, ein Modell zu erstellen, das die Bauaufgabe exakt beschreibt? Zumindest für den Straßen- und Tiefbau möchte ich diese Frage hinsichtlich des exakten Modells mit dem Hintergrund meiner immerhin zwölfjährigen Berufspraxis als Planer und Bauleiter verneinen. Der flapsige Spruch „Unter der Schippe ist es dunkel!“ hat immer Bestand. Auch bei der Vorlage von Bodengutachten ist man nie sicher sein vor Überraschungen. Gutachten können immer nur punktuell sondieren, die Verhältnisse zwischen den Sondierungen werden jedoch als gleich angenommen.

In der Sparte Straßenbau wird nach meiner Erfahrung die Abrechnung nach Soll leider zurzeit noch durch die unbefriedigende Planungsqualität verhindert. Ich bin mir dessen bewusst, dass die Honorare oft nicht ausreichen für eine kleinteilige Planung, weil die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) gern umgangen wird. Hinweise in Plänen, wie „örtlich angleichen“, sind jedoch absolut nicht mehr tragbar. Damit lassen sich keine Modelle erstellen. Der „schwarze Peter“ der endgültigen Ausführungsplanung darf nicht an den Auftragnehmer übergeben werden.

Wirft man einen Blick auf den Kanal- und Leitungsbau, wird in diesem Arbeitsfeld eine exakte Planung nach meiner Einschätzung noch auf Jahre verhindert. Das liegt vor allem daran, dass die Bestandspläne der Versorger zwar in der Regel heute vorliegen, aber nicht exakt genug sind. Insbesondere in Gehwegbereichen liegen die Leitungen sehr eng, Lageabweichungen gegenüber den Planangaben von zehn Zentimetern können hier schon problematisch sein. Deshalb sind Änderungen der Lage der zu bauenden Objekte nach meiner Erfahrung eher die Regel als die Ausnahme.

Den Hochbau differenziert betrachten

Es muss zudem noch eine zweite Frage beantwortet werden: Sind alle Bauleistungen, also auch Kleinleistungen, Umbau, Sanierung und Abbruch, wie sie zum Beispiel im Hochbau häufig vorkommen, immer durch ein Modell zu beschreiben?

Im Hochbau - bezogen auf die Gewerke Rohbau, Ausbau sowie Haustechnik – muss der Einsatz von Modellen grundsätzlich anders als im Straßen- und Tiefbau betrachtet werden. Denn wenn über der Erde neu geplant wird, können keine Überraschungen eintreten. Allerdings stehen nahezu alle Gebäude in Baugruben, für die die gleichen Grundsätze wie für den Straßen- und Tiefbau gelten. Da Baugruben in der Ausdehnung überschaubar sind, sind die Risiken dort geringer, unerwartete Verhältnisse anzutreffen. Schwieriger wird es allerdings beim Umbau und Abriss von Gebäuden. Auch in diesen Fällen kennt man erst nach Erledigung der kompletten Leistungen alle Fakten. Hier kann man vor Überraschungen nicht sicher sein.

Führt man sich diese Fakten vor Augen, wird klar, dass auch die zweite gestellte Frage zur möglichen umfänglichen Modellbeschreibung in allen Gewerken des Hochbaus mit einem klaren „Nein“ zu beantworten ist. Man kann natürlich ein bestehendes Gebäude nachträglich modellieren und erhält somit eine exakte Geometrie. Aber über Qualität und Zustand der verborgenen Bauteile hat man sicher keine flächendeckende Aussage.

Einfach abrechnen – aber wie?

Es stellt sich hinsichtlich der Abrechnung jetzt abschließend die Frage, was einfacher ist: Bei einer funktionalen Ausschreibung alle Änderungen aufzuführen, zu begründen und die daraus sich ergebenden Mehr- oder Mindermengen zu berechnen? Oder im Rahmen einer Ausschreibung mit Leistungsverzeichnis einfach nach dem Ist-Zustand komplett alle Mengen noch einmal vollständig durchzurechnen? Mir erscheint der zweite Weg, der heute von Baufirmen mit modernen, modellbasierten Abrechnungs-Systemen bereits gegangen wird, wesentlich übersichtlicher und einfacher. Lediglich bei Gewerken mit geringer Änderungswahrscheinlichkeit am Modell ist die Situation umgekehrt.

Die vorstehenden Überlegungen zeigen, dass sich das Berufsbild des Abrechners dahingehend ändern wird, dass nicht mehr auf der Baustelle einfach alle Leistungen gemessen und erfasst werden. Vielmehr ist es in Zukunft auch Aufgabe der Bauabrechner, Änderungen zu verfolgen und in das Modell einzuarbeiten. Bei einigen Gewerken, wie im Kanalbau, ist die Dokumentation der geometrischen Änderungen im Rahmen der Eigenüberwachung und bei der Zertifizierung nach Güteschutz Kanalbau ohnehin notwendig und ein wertvolles Abfallprodukt des entsprechenden Modells mit Historie der Änderungen.

Eine enorme Erleichterung für alle Beteiligten wäre, die in der VOB genannten Übermessungsregeln und andere Vereinfachungen, wie zum Beispiel die Abrechnung von Schächten nach steigenden Metern statt nach Bauteilen, abzuschaffen und zukünftig eins zu eins nach Modell abzurechnen. Die Abrechnung würde viel übersichtlicher und transparenter, zudem wären dann endlich die Mengen in der Kalkulation, bei der Materialbestellung und in der Abrechnung gleich.

Neues und partnerschaftliches Denken erwünscht

Im Bauwesen taucht vermehrt der Wunsch auf nach einem notwendigen „Kulturwandel“ in den Beziehungen der Akteure untereinander. Bestandteil einer neuen Partnerschaft zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern soll sein, die Auftragsvergabe auch über Qualitätsmerkmale, statt nur über den Preis zu entscheiden. Zudem sollen die Kompetenzen der Unternehmer in Hinblick auf ein optimales Baumanagement genutzt werden, um in der Planungsendphase das Bauwerk in Sachen Ausführungsdetails und Bauablauf zu optimieren.

Aus meiner Sicht sind diese Ansätze zu befürworten, da Bauunternehmer für diese Planungsaspekte aufgrund ihrer praktischen Erfahrungen oft mehr Kompetenzen haben als Mitarbeiter von Planungsbüro.

Allerdings wird damit auch klar: Wenn es mit der angestrebten Partnerschaft ernst gemeint ist, muss aus Gründen der Fairness für beide Seiten am Ende nach Ist-Zustand abgerechnet werden. Eine Preispauschalierung passt nicht zu einer Arbeitsweise, bei der nach der Auftragsvergabe das Modell noch einmal optimiert wird. Gerade dieser Kulturwandel sollte daher der Garant sein, dass eine Bauabrechnung nach Ist-Zustand auch künftig Bestand hat.

Die Bauabrechnung wird sich mit dem durchgängigen Einsatz von Modellen ändern, aber sie wird nicht verschwinden. Dabei werden sich die Gewerke stark voneinander unterscheiden. Während bei einem Rohbau, solange keine Änderungen wegen Planungsfehlern auftreten, gut mit Hilfe des ursprünglichen Planungs-Modells abgerechnet werden kann, wird man im Kanalbau in aller Regel mit angepassten Abrechnungsmodellen arbeiten.

Isl-Kocher

www.isl-kocher.com

Autor: Frank Kocher

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