ALPINES WASSERKRAFTWERK

Hightech im Hochgebirge

Projekt Linthal 2015 – mit MEVA-Unterstützung
entsteht im Kanton Glarus das größte Wasserkraftwerk Europas.

Die optimierte Nutzung der Wasserkraft erlebt in der Schweiz eine neue Blüte. Mitten im Schweizer Hochgebirge im Kanton Glarus, der schneereichsten Region der Schweiz, entsteht im Auftrag des Schweizer Energiedienstleistungskonzerns Axpo derzeit aktuell Europas größtes Wasserkraftwerk. Unter dem Projektnamen „Linthal 2015“ werden derzeit die 1957 bis 1968 erbauten Kraftwerke Linth-Limmern (KLL) technisch modernisiert und gewaltig aufgerüstet. Die neue Kraftwerkstufe der KLL basiert auf dem Konzept, das Wasser aus dem Limmernsee in den 630 m höher gelegenen Muttsee zurückzupumpen und bei Bedarf wieder zur Stromproduktion nutzen zu können. Damit wird sich die Leistung von heute rund 480 auf etwa 1480 Megawatt erhöhen.

Kraftwerk in 1700 m Höhe

Das Herzstück des Projekts Linthal 2015 bildet ein neues unterirdisches Pumpspeicherkraftwerk zwischen dem Limmern- und dem Muttsee mit einer Leistung von 1000 MW. Dazu wird auf 1700 m über dem Meeresspiegel und 600 m tief im Berginnern, direkt am Fuß der heutigen Staumauer des Limmernsees, eine riesige Felskaverne ausgebrochen. In die neue Kraftwerkkaverne werden vier Pumpturbinen eingebaut. Die Turbinenzentrale wird über zwei parallel geführte Druckschächte und einen Druckstollen mit dem Muttsee und durch zwei rund 500 m lange Unterwasserstollen mit dem Limmernsee verbunden. Für die beiden Druckschächte werden insgesamt 830 individuell gefertigte Rohrstücke (Herstellung und Einbau: knapp 140.000 Euro/Stück) mit einer Länge von je 3 m und einem Durchmesser zwischen 4,2 und 4,4 m benötigt, deren Wandstärke zwischen3,5 und 6 cm beträgt.

Die längste Staumauer der Schweiz

Weiterer wesentlicher Bestandteil des Projekts ist der Bau einer 1000 m langen Gewichtsstaumauer – die längste in der Schweiz – mit Einlass- und Auslaufbauwerk  am südlichen Ufer des Muttsees. Damit wird die Stauhöhe um 28 m auf 2474 m über dem Meeresspiegel erhöht und dadurch das Fassungsvermögen des Sees, der heute über ein Speichervolumen von 9 Millionen Kubikmeter Wasser verfügt, auf 24 Millionen Kubikmeter erweitert.

Ausgleichsbecken verdoppelt Speichervolumen

Hinzu kommt ein zusätzliches Ausgleichsbecken in Tierfehd, das nördlich der Freiluftschaltanlage angelegt wird. Das Speichervolumen kann damit von heute 210.000 auf 560.000 Kubikmeter gesteigert werden. Mit dieser Maßnahme können die Maschinen der Pumpspeicherwerke flexibler eingesetzt werden. Das Baugesuch dafür wurde im März 2008 eingereicht und erste Vorarbeiten noch bis Ende Jahr ausgeführt. Die Hauptarbeiten starteten im Frühsommer 2009.

Ein gigantisches Projekt: Der Anschluss des modernisierten Kraftwerks wird über eine neue, über 17 km lange 380-KV-Leitung erfolgen; allein für den Bau der 65 neuen Strommasten werden 2.500 Tonnen Stahl und 9.300 Kubikmeter Beton verbaut.

Gewaltige logistische Herausforderung

Das Projekt ist für alle Beteiligten eine große technische und logistische Herausforderung – nicht nur für die Mitarbeiter der ARGE Kraftwerk Limmern, sondern auch für die MEVA Schalungsingenieure. Unter großem Zeitdruck – schon im Frühherbst fällt Schnee – wird gearbeitet, auf engstem Raum muss Baumaterial und schweres Schalungsgerät vom Basislager Camp Reitimatt auf 800 m Höhe zu den Baustellen auf 1.700 m und 2.500 m Höhe gebracht werden: unter anderem 100.000 Tonnen Zement, 40.000 Tonnen Stahl, sowie sämtliche benötigten Fahrzeuge und Baumaschinen oder die bis zu 230 Tonnen schweren Pumpturbinen und Transformatoren.

Über 140.00 Tonnen per Seilbahn

Der Transport erfolgt zunächst über eine Bauseilbahnen mit bis zu 40 Tonnen Zuladung, später zusätzlich durch einen Zugangsstollen mit Standsteilbahn ( mit Zahnradverbindung zum Boden) bis auf der Höhe der Kavernenzentrale, von dort weiter über eine andere Bauseilbahn (5 Tonnen Zuladung) zum Muttsee – zu schwere oder zu sperrige Komponenten, etwa die für die Montage der Schalungsteile erforderlichen Kräne, werden in Einzelteilen nach oben geschafft und dort montiert. Insgesamt arbeiten auf den Bauplätzen bis zu 600 Personen.

Das Einlass- und Auslaufbauwerk Muttsee (EABM)

Betoniert wurden bereits das Ein­ und Auslaufbauwerk am Muttsee. Die 12 m hohen Tunnelwände wurden doppel­- und einhäuptig mit dem Stützbock STB 450 und der Mammut 350 Großflächenschalung erstellt. Wegen der hohen Betonierdrücke hatte der Schalungsaufbau eine spezielle Rückverankerung statt Stützen. Durch das neue Einlass- und Auslaufbauwerk fließt das Wasser vom Muttsee in den Oberwasser-Druckstollen und weiter zur Kavernenzentrale. Dort treibt es die Turbinen an. Beim Zurückpumpen nimmt es den umgekehrten Weg. Das bis zu 76 m lange, 34 m breite und knapp 20 m hohe EABM erstreckt sich vom Muttsee in den Druckstollen hinein. Die Seitenwände im Stollen wurden einhäuptig geschalt, die Wände im Freien je nach Lage ein- oder zweihäuptig.

Gegendruck mit  MEVA Mammut

Zum Einsatz kam die stärkste Wandschalung aus dem MEVA Programm: die Großflächenschalung Mammut 350. Mit ihrer Frischbetondruckaufnahme bis 100 kN/m² erlaubt sie schnelles Betonieren. Abgestützt wurde mit dem Stützbock STB 450 mit Aufsätzen. Beim einhäuptigen Schalen wurde der hohe Betonierdruck per Rückverankerung in den Felsen abgeleitet. Die länglichen Strömungspfeiler am Stolleneinlass haben abgerundete Enden und wurden je nach Pfeilerlage ein- oder zweihäuptig mit der Mammut 350 und dem Klettergerüst KLK 230 in zwei Takten geschalt. Die abgerundeten Enden wurden mit Holzeinlagen in der Mammut 350 erzielt.

Unterirdische Trafo- und Maschinenkaverne

Kernstück des Ausbaus ist die riesige unterirdische Kavernenzentrale, bestehend aus der Trafo- und der Maschinenkaverne. Das Ausbruchmaterial wird zum Teil an Ort und Stelle für den benötigten Beton verwendet, zum Teil für den Staumauerbau auf die Muttenalp befördert. Die 130 m lange Trafokaverne ist bis 22 m breit, 24 m hoch und in 3 Stockwerke unterteilt. Sie enthält die Transformatoren, einen Montage- und Verschiebeplatz sowie die Schaltanlage. Die noch größere Maschinenzentrale für die Turbinen ist 156 m lang, 30 m breit, bis 53 m hoch und in 7 Stockwerke unterteilt. Sie beherbergt 7 Blöcke für Turbinen, Montageplatz, Werkstatt- und Bürotrakt. Eine schwierige Topographie, beengte Verhältnisse, die begrenzte Lagerkapazität an den Einsatzstellen, vor allem im Berginnern, die hohen Drücke und das Umsetzen der Schalung erfordern auch hier eine ausgefeilte Planung von der Logistik bis zur Bauausführung.

Mit Fahreinheiten ins Gewölbe

In den Kavernen werden mit MEVA Schalung die Fundamente, Schützenböden, die geraden und geneigten Wände sowie das Paramentgewölbe betoniert. Für einhäuptige Wände kommen bis 7,50 m hohe Stützbockkonstruktionen mit der Mammut 350 zum Einsatz. Je nach Bauteil und Position der Stützböcke erfolgt die Aussteifung bzw. Verankerung mit MEVA Triplex-Stützen, Stahlträgern, Ankerriegeln oder per Rückverankerung. Die je nach Lage variierenden Verankerungen und Abstützmöglichkeiten erfordern eine sorgfältige Schalungsplanung und Materiallogistik. Für das Paramentgewölbe kommen Fahreinheiten zum Einsatz: vorgefertigte Segmente mit Sparschalung, die nach der Endmontage auf der Baustelle mit biegbaren Alkus-Vollkunststoff-Platten belegt werden. In den Bauplätzen wird durchgehend gearbeitet, die Arbeiten liegen im Plan – dank der Meisterleistung aller Beteiligten von der Planung bis hin zu den logistischen und baulichen Herausforderungen, die sich täglich aufs Neue stellen.

www.axpo.ch

www.argekwl.ch

www.meva.de  

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