Das Bauen versichern
Innovationen versicherungstechnisch fördernIm Vorfeld des Deutschen Baupreises 2026 sprach die THIS mit Michael Hirz, Vorstand/Co-Founder MRH Trowe, sowie Claudia Bingel, Head of Real Estate Construction, über Neuerungen im Bereich Bauprojekte aus Sicht des Versicherungsmarktes.
THIS: Warum unterstützt MRH Trowe den Deutschen Baupreis?
Michael Hirz, Vorstand/Co-Founder MRH Trowe
© MRH Trowe
Michael Hirz: Weil wir davon überzeugt sind, dass die Bauwirtschaft eine Schlüsselbranche für die Stabilität und Zukunftsfähigkeit unseres Landes ist. Bauen bedeutet Infrastruktur, Wohnraum, Energieversorgung, Mobilität – also gesellschaftliche Grundlage. Wir sind seit vielen Jahrzehnten Partner der Bauwirtschaft und selbst ein mittelständisch geprägtes Unternehmen. Gerade deshalb wissen wir, wie wichtig unternehmerischer Mut, Innovationskraft und verlässliche Rahmenbedingungen für den Erfolg sind. Unser Engagement beim Deutschen Baupreis ist ein klares Bekenntnis zur Leistungsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit der Branche. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Innovation nicht an versicherungsrechtlichen Hürden scheitert.
THIS: Wie sieht dieses Bekenntnis in der Praxis aus?
Michael Hirz: Der Bau ist komplexer geworden – wirtschaftlich, rechtlich, technologisch. Deshalb reicht es heute nicht mehr, einzelne Policen zu vermitteln. Wir haben einen 360°-Rundumansatz: Wir kümmern uns nicht nur um die klassischen Versicherungskonzepte, sondern auch um Lösungen rund um Liquidität, attraktive Mitarbeiter-Benefits und wirtschaftliche Spielräume für Bauunternehmen. Unsere speziell entwickelten Branchen- und Zielgruppenkonzepte bringen unser Know-how direkt in den Geschäftsalltag. Deswegen ist unsere Werkzeugkiste individuell und mit mehr bestückt als klassische Versicherungskonstellationen.
THIS: Welche Beispiele gibt es aus der Praxis, die über den Standard hinaus gehen?
Claudia Bingel, Head of Real Estate Construction
© MRH Trowe
Claudia Bingel: Viele. Das beginnt mit der klassischen Betriebshaftpflichtversicherung – also der Absicherung von Personen-, Sach- und Vermögensschäden – geht aber deutlich darüber hinaus. Wir analysieren das sogenannte „Arbeitsrisiko“, also die spezifische Gefährdung aus der konkreten Tätigkeit, prüfen Obhutschäden – also Schäden an fremden Sachen, die sich zur Bearbeitung oder Verwahrung im Einflussbereich des Unternehmens befinden – und betrachten das Anlagevermögen, insbesondere den Maschinenpark. Dabei arbeiten wir nicht nur vertragsbezogen, sondern risikostrukturell. Wir schauen: Wo entstehen systemische Risiken? Wo gibt es Kumuleffekte? Wie ist die Eigenkapitaldecke? Wie hoch ist die Risikotragfähigkeit?
Unser Angebot reicht von Leasing und Finanzierung etwa von Baumaschinen bis zu Versorgungsformen für Mitarbeiter, etwa eine zusätzliche Krankenversicherung oder eine betriebliche Rente. Zu uns gehört der größte Leasingbroker für Baumaschinen. Wir verstehen die Bedürfnisse der Bauunternehmen, wir begleiten sie seit vielen Jahren.
Michael Hirz: Der Unterschied ist, wir sind ein Makler- und Beraterhaus. Das Risikomanagement betrachten wir daher ganzheitlich und nicht nur punktuell.
THIS: Wie unterscheidet sich das von klassischer Versicherungsvermittlung?
Claudia Bingel: Klassisch wird Policen-orientiert gearbeitet. Man fragt: Welche Versicherung fehlt noch? Wir fragen: Welche Risiken bedrohen die unternehmerische Substanz?
Ein Beispiel: Maschinenversicherung. Viele Betriebe kalkulieren ihre Prämie nach Listenpreisen oder akzeptieren prozentuale Selbstbeteiligungen bei Abhandenkommen. Wir arbeiten mit Rahmenverträgen, die auf den tatsächlichen Kaufpreis abstellen und keine prozentuale Selbstbeteiligung bei Diebstahl vorsehen. Das reduziert Liquiditätsrisiken im Schadenfall erheblich.
Oder nehmen Sie das Thema „Innovations- und Besserstellungsklausel“ in der Haftpflicht. Damit stellen wir sicher, dass künftige Bedingungsverbesserungen automatisch in bestehende Verträge einfließen. Das ist strategische Vertragsgestaltung – keine Standardlösung.
THIS: Viele Bauunternehmen sind klein strukturiert. Wie greifen solche Konzepte dort?
Michael Hirz: Gerade dort sind sie entscheidend. Der durchschnittliche Baubetrieb in Deutschland beschäftigt nur wenige Mitarbeiter. Diese Unternehmen verfügen in der Regel weder über eine eigene Rechtsabteilung noch über Risikomanager.
Claudia Bingel: Ein Personenschaden mit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, ein größerer Maschinenschaden oder ein Baustopp können existenzielle Folgen haben. Deshalb integrieren wir regelmäßig eine Strafrechtsschutzversicherung – also die Absicherung der Verteidigungskosten bei fahrlässigen Vorwürfen – in das Gesamtkonzept.
Michael Hirz: Hier geht es nicht um Schuldabwehr, sondern um Verfahrenssicherheit. Sobald ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, entstehen Kosten für Gutachter, Anwälte und Sachverständige. Diese Kosten müssen tragfähig abgesichert sein.
THIS: Wie sieht es bei Abweichungen bzw. bei zu weit gefassten Interpretationen von Normen aus – Stichwort „Einfaches Bauen“?
Claudia Bingel: Die Diskussion um „Einfaches Bauen“ zielt darauf ab, Speed auf den Bau zu bekommen, Prozesse zu vereinfachen und Baukosten durch Abweichungen von Normen und technischen Regelwerken zu senken. Grundsätzlich begrüßen wir jede Initiative, die Bauen effizienter macht. Aber hier liegen auch Risiken. Versicherungsrechtlich bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen dem „anerkannten Stand der Technik“ und der vertraglich vereinbarten Beschaffenheit. Wenn bewusst von DIN-Normen abgewichen wird, kann das im Schadenfall den Versicherungsschutz kosten. Neben konkreten Ausschlüssen in den Versicherungsverträgen gibt es auch gesetzlich und vertraglich definierte Verhaltensanforderungen an den Versicherungsnehmer und die Mitversicherten. Werden sogenannte Obliegenheiten verletzt und besteht ein kausaler Zusammenhang zum Schaden, kann der Versicherer leistungsfrei sein.
Deshalb ist eine saubere Dokumentation essenziell. Planer und Unternehmer müssen Abweichungen von Normen transparent mit ihren Auftraggebern vereinbaren und aufklären. Wir verstehen uns hier als Schnittstelle zwischen Baupraxis und Versicherungsmarkt – mit dem Ziel, innovative Bauweisen versicherbar zu machen.
THIS: Weitere versicherungsrelevante Themen sind NIS2, die neue Cyber-Sicherheitsrichtlinie der EU, sowie die Absicherung von Cloud-basierten Projekten.
Michael Hirz: Das ist in der Tat ein hochaktuelles Thema. Bauprojekte basieren zunehmend auf digitalen Plattformen – insbesondere Bau-Clouds im Kontext von BIM (Building Information Modeling). Ein Cyberangriff auf eine solche Cloud kann zur Nichtverfügbarkeit von Bauplänen, Terminplänen oder Mengengerüsten führen. Das Resultat ist faktischer Baustillstand.
Es gibt ja seit vielen Jahren die Möglichkeit, am Versicherungsmarkt als Unternehmen eine Cyber-Versicherung abzuschließen. In der Regel ist das bei vielen Unternehmen anderer Branchen längst Standard und sie haben die Cyber-Versicherung bei ihrem Portfolio betriebliche Versicherungen schon im Regal stehen. Die Bauwirtschaft als solches, gerade die kleineren Betriebe, sind in der Breite von diesem Standard noch weit entfernt. Wir haben deshalb eine projektbezogene Cyberdeckung entwickelt.
THIS: Was deckt diese Versicherung ab?
Claudia Bingel: Mit dem Fortschritt der digitalen Transformation entstehen im Bauprozess zusätzliche Angriffsflächen. Der Annexvertrag bietet daher Versicherungsschutz für Vermögensschäden durch unbefugte Zugriffe auf Cloud-Plattformen. Kommt es infolge einer Netzwerksicherheitsverletzung zu Verzögerungen oder Beeinträchtigungen der Nutzung der BauCloud, ersetzt der Versicherer daraus resultierende Bauunterbrechungskosten sowie Mehrkosten. Dazu zählen insbesondere Kosten, um Folgen der Bauunterbrechung zu verhindern, zu begrenzen oder Bautätigkeiten zu beschleunigen um den Fertigstellungstermin einzuhalten.
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Als Netzwerksicherheitsverletzung gilt jeder unbefugte Zugriff auf den im Bauprojekt bereitgestellten Cloud-Dienst sowie jede unzulässige Nutzung durch Versicherte der kombinierten Projektversicherung oder externe Dritte.
Verzögert sich ein Bauprojekt, können zudem Beschleunigungskosten entstehen, etwa durch zusätzliche Kolonnen oder längere Arbeitszeiten. Auch solche Mehrkosten können im Rahmen der Versicherung gedeckt werden. Ziel ist ein umfassender Schutz der Projektziele.
THIS: Das klingt nach „irgendwie alles“ …
Claudia Bingel: Ja. ‚Construction Secure‘ ist eine kombinierte Projektversicherung aus sämtlichen Versicherungsarten, die ein Bauprojekt und alle an einem Bauprojekt beteiligen Unternehmen brauchen, um gemeinsam entsprechend die Projektziele zu verwirklichen: Das Projekt soll in der entsprechenden Zeit fertiggestellt werden, es sollte möglichst im budgetierten Kostenrahmen bleiben und in der erhofften gewünschten Qualität rechtzeitig in die Nutzung gehen können. Das sind die obersten Projektziele, und die gilt es, mit ‚Construction Secure‘ entsprechend zu schützen.
THIS: Wer oder was wird da versichert?
Claudia Bingel: Alle, die sich an einem Bauprojekt beteiligen, sind automatisch mitversichert, auch Nachunternehmer-Ketten. Es kommt dabei nicht darauf an, wer wen beauftragt hat, ‚Construction Secure‘ deckt auch den Nachunternehmer des Nachunternehmers ab, und so weiter. Alle profitieren vom Versicherungsschutz.
THIS: Wie wirkt sich das konkret auf die Baustelle aus?
Claudia Bingel: Nehmen wir einen schweren Unfall mit Personenschaden. Sofort stehen Ermittlungsbehörden auf der Baustelle, es kommt zum Baustopp. Ohne klare Struktur entsteht Unsicherheit – mitunter gegenseitige Schuldzuweisung.
Mit einer projektbezogenen Lösung existiert eine einheitliche Deckung. Die Strafrechtsschutzkomponente ermöglicht eine koordinierte Gesamtstellungnahme. Ziel ist es, das Projekt schnellstmöglich wieder in Gang zu bringen und die Projektziele – Zeit, Budget, Qualität – zu sichern.
THIS: Wie stellen Sie sicher, dass Versicherer solche komplexen Lösungen mittragen?
Claudia Bingel: Durch präzise Risikoaufbereitung und klare Obliegenheitsdefinitionen. Versicherer benötigen Transparenz über Bauvolumen, Bauart, Sicherheitskonzepte und Projektstruktur.
Wir arbeiten mit individuell ausgehandelten Makler-Wordings, die die marktgängigen Ausschlüsse und Obliegenheiten auf das Notwendigste reduzieren, ohne die Risikokontrolle zu vernachlässigen. Vor Begehungen gehen wir unsere Kunden über die Baustellen und bereiten sie vor – etwa hinsichtlich Brandschutz, Lagerung brennbarer Materialien oder Baustellenorganisation. Prävention ist integraler Bestandteil unseres Ansatzes.
THIS: Zum Abschluss: Wer gewinnt den Deutschen Baupreis?
Michael Hirz: Entscheidend wird sein, welches Unternehmen Innovationskraft, nachhaltiges Denken und wirtschaftliche Substanz überzeugend verbindet. Genau diese Kombi entscheidet heute über die Zukunftsfähigkeit in der Baubranche.
Claudia Bingel: Es gibt so viele hervorragende Bauunternehmen, die einen Platz auf dem Treppchen verdient hätten. Die Nominierten zeigen alle beeindruckende Leistungen. Am Ende werden sich die Unternehmen durchsetzen, die nicht nur wirtschaftlich stark sind, sondern auch kulturell und strategisch überzeugen – genau das macht den Reiz dieses Awards aus.
